Togo 2.8. – 17.8.12

Von der Grenze Burkina Faso aus fahre ich die 40 km noch im Dunkeln bis Dapaong und finde einen Stellplatz in einem kleinen Hotel. Nachts soll man ja nicht fahren, aber manchmal gibt es keine andere Möglichkeit. Am nächsten Morgen, ich sitze noch am PC, sprechen mich zwei Weißgesichter an. Einer spricht auch deutsch. Ich erfahre, dass beide für eine amerikanische Firma arbeiten, die für Togo Technik des Digitalfernsehens der 2. Generation planen und vorbereiten. Das erinnert mich an mein 1. Berufsleben und an die Umstellung im 2. Berufsleben. Togo wäre dann wohl das erste Land in Afrika mit dieser neusten Technik. Ich denke mir noch so, dass die Einrichtung einer funktionierenden Internetverbindung ebenfalls angebracht wäre. Ich sehe mir noch ein paar afrikanische Masken an, die im Hotel angeboten werden und ärgere mich hinterher, nicht zugeschlagen, d.h. gekauft zu haben.
Ich setze meine Fahrt in Richtung Kara fort. Unterwegs überholen mich die zwei Weißgesichter mit Fahrer in einem Pickab. Bei der Rally um die Schlaglöcher ziehe ich bald den Kürzeren. In Kara brauche ich lange, um das passende Hotel zu finden. Polizisten ärgern mich noch, weil ich hinter einer Ampel gehalten habe. Nach einigem hin und her habe ich meine Papiere ungeschoren wieder, aber weiß den Weg immer noch nicht. Im Hotel angekommen, wen sehe ich da…? Richtig, man sieht sich im Leben immer zweimal. Florent und Marc, die beiden Weißgesichter, sitzen schon da, bei einer Arbeitsbesprechung. Sie bieten mir einen Platz an und es entwickelt sich ein für mich interessantes Gespräch in 3 Sprachen: französisch, englisch und deutsch. 2 davon kann ich nicht so gut. Florent vermittelt. Er ist Berliner, der in Frankreich geboren ist. Marc ist Kanadier. Bald interessieren sich beide für meine Fahrt. Ich erzähle ihnen auch von der schweren Seite dieser Fahrt. Beide beneiden mich um die Freiheit, die ich genieße. Besonders Marc, der selbst viel in der Welt rumgekommen ist, redet mir gut zu und meint, dass es schade wäre abzubrechen, wenn man schon so weit gekommen ist. Ich sage Ihnen, dass meine Entscheidung in Lome, der Hauptstadt Togos, fällt. Beide wohnen dort für die Zeit ihres Auftrages. Wir tauchen unsere Adressen aus, vielleicht sieht man sich auch ein drittes Mal.
Am nächsten Tag mache ich einen Ausflug in die nähere Umgebung, eine Rundreise über Kabou. Von Bassar geht es etwa 80 km Sand- und Schotterstraße durch den Urwald nach Bafilo. Hier leben viele Ethnien auf engem Raum. Ich gehe auf die Einheimischen zu und erhalte auch ein paar Eindrücke vom Innenleben der „Einfamilienhäuser“ in Lehm und einer Art Schilfdach. Die kleineren runden Bauten diehnen z.B. als Kornkammer.

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Dem Familienvater gebe ich 1.000 CFA (etwa 1,40 €) dafür, dass er mir Enlass gewährt hat. Er freut sich wie ein Schneekönig über die Summe, die er sonst vielleicht in einem Monat zur Verfügung hat. Für Selbstversorger ist das viel Geld. Wer hier als Weißer mit einem Auto  vorfährt, wird mit überraschten Augen beobachtet. Natürlich nehmen die Einheimischen an, ein Weißer, der nichts anderes zu tun hat, als hier mit dem Auto rumzufahren, muss reich sein. Aber auf die Idee zu betteln würden sie nicht kommen. Im Gegensatz zu Beamten, die auch nicht betteln, sondern oft auch grundlos über ihre Macht Geld verlangen.
Die Frauen tragen auf dem Kopf z.B Holz und Holzkohle zu Markte, sowie Produkte aus ihrem landwirtschaftlichen Anbau. Vor vielen dieser kleinen Dörfer findet man Brunnen, wie hier vor der Kirche, welche  z.B. von den USA gesponsert wurde.

 

Man mag sich aus der Sicht Pauschlareisender aus industrieellen Ländern fragen, warum die Menschen noch immer in diesen Verhältnissen leben. Eine der vielen Ursachen ist, dass die junge Generation die Alte nicht in Frage stellt und anders leben will, was in westlichen Gesellschaften hin und wieder zu Veränderungen führt (68ér, DDR-Wende, afrikanischer Frühling, orangene „Revolution“ usw). Revolutionen, die zu nachhaltigen Gesellschaftsänderungen führen, waren auch das noch nicht.
In einem Dorf und in der Stadt Bassar findet Markt statt. Ich steige aus und mische mich unter. 2 Welten beäugen sich interessiert und auch misstrauisch. Man hält Distanz und grüßt auch freundlich.

Dann kommt auf dem unbefestigtem Weg das, was nicht kommen sollte. Eine Brücke über einem kleinen Bach ist unterspühlt worden. Wacklige Stämme liegen über dem Abgrund. Ich wähle die Alternative unweit durch den Bach.

Das Geröll auf der andere Seite der relativ steilen Auffahrt ist aber noch feucht vom letztem Regen. Es kommen Erinnerungen von der Fahrt durch die Mongolei und über den Pamir hoch. Ich bleibe natürlich am Hang gegenüber stecken, die Räder drehen durch. Auf Hilfe kann ich hier lange warten. Nach mehreren vergeblichen Versuchen fahre ich rückwärts durch den Bach, nehme neuen Anlauf, und ….. Mr. Hiace schafft es gerade so. Keiner kann sich vorstellen, wie froh ich war, wieder raus aus dem Urwald zu sein. In Zukunft bleibe ich auf den Hauptstrecken. Ohne Allrad lernt man schnell seine Grenzen kennen.
Auf der Strecke nach Lome passiere ich hinter Bafilo den Faille d´Aledjo, eine in den Felsen gemeißelte Straße. Die LKW´s, die nicht durchpassen, fahren einfach auf der linken Spur, und landen mitunter im Straßengraben.

Von Atakpame will ich zum Wasserfall bei Badou fahren, gebe aber nach einiger Zeit auf, weil mir die Piste in Sand mit unheimlich tiefen Schlaglöchern auf die Nerven geht. Vor Lome mache ich für die Nacht noch mal Halt in Notse. Von dort soll die Piste auch sehr schlecht nach Kpalime sein. Also werde ich versuchen dieses Ziel von Lome aus zu erreichen. In Lome frage ich mich zur Auberge „Chez Alice“ durch (hinter dem Hafen in Richtung Benin). Alice ist die Chefin aus Österreich, die in Lome schon 30 Jahre lebt. In der Auberge stehen schon weitere Traveller, 2 Pärchen, Susanne + Karl aus Österreich (www.reise-igl.at), sowie Jan + Mariska aus den Niederlanden (www.travel2survive.com). Die beiden nächsten Abende klönen wir über unsere Reise-Abenteuer, diesmal nur in Deutsch. Alle sind etwa die gleiche Strecke gefahren und haben ein Ziel: Südafrika, und die Westküste wieder Richtung Norden. Aber die Vorstellungen von so einer Reise gehen mitunter eigene Wege. Das betrifft Reisegeschwindigkeit, Reiseziele, auch in Abhängigkeit z.B. von Allradantrieb), Art der Unterkünfte (auch in Abhängigkeit von der Größe des eigenen Fahrzeugs) usw.
Aber mich quält im Moment mehr die Entscheidung zwischen den Alternativen: Abbrechen, unterbrechen, abkürzen (Verschiffen) oder weiterfahren.?! Wollt ihr noch Bilder sehen?
Um Bilder zu machen, muss ich weiterfahren. Aber die Bilder kann eigentlich niemand bezahlen, gemessen an dem Aufwand, sie zu machen. In Lome muss ich fast jeden Tag in die Stadt, um Visa zu beschaffen usw, also nicht nur um Bilder zu machen. Und Chez Alice liegt etwa 15 km außerhalb der Stadt, vorbei am Hafen, wo die Brücke noch nicht fertig ist. Ein LKW liegt wieder mal fest, alle anderen quählen sich vorbei, auch auf der Gegenspur, und rammeln sich auch noch gegenseitig fest. Nichts geht mehr.
Alles dicht, jeder fährt wie er will, keiner regelt das Durcheinander. Jan zeigt mir die Auslandsvertretungen in der Stadt auf der Stadtkarte und den Sitz des zentralen Kommissariats. Dort hole ich mir ein „Zertifikat Residenz“ für 8.500 CFA, welches mir einen Wohnsitz in Lome bestätigt. Das verlangt z.B. die Vertretung Gabuns für ein Visum.
Am Wochenende mache ich einen Ausflug nach Kpalime, die Stadt der Künstler.  Die Gegend soll mit die Schönste sein in Togo.  Zeit wieder das Fahrrad abzuschnallen, um in die Berge zu fahren. 8 km aufwärts an einem kleinen Wasserfall und an deutschen Kolonialbauten vorbei.

In Deutschland erinnert so gut wie gar nichts an deutsche Kolonialgeschichte. In der Schule erfährt man dazu auch herzlich wenig. Welche Spuren haben die Kolonialmächte in Afrika hinterlassen? Welche Auswirkungen hat diese Fremdherrschaft, die z.T. erst vor 20 Jahren beendet wurde, auf die Entwicklung Afrikas? Darüber will ich bei Gelegenheit schreiben.
Jedenfalls bietet dieser verlassene und halb verfallene Bau auf der Missahöhe einen herrlichen Blick auf die Feuchtsavanne und den Mont Agou, den mit fast 1.000 m höchsten Berg Togos.

In toller Schussfahrt geht es wieder nach unten, musste vorher ja auch hart erarbeitet werden. Unten schnalle ich das Fahrrad wieder ans Auto und fahre zum großen Wasserfall, der von einem Stausee gespeist wird.

Die Togolesen kommen mit Bussen hierher. Das Treiben erinnert an einen Aquapark in Europa.

Als die Amtsstuben aufmachen, bin ich wieder in Lome. Das Visum für Gabun und DR Kongo kann ich schon am nächsten Tag abholen. Der alte Pass ist dann voll. Der dritte Pass wird in Berlin gebraucht, weil man das Visa für Angola wahrscheinlich nur im Heimatland bekommt. Der Antrag für Nigeria wird mir von einer extrem unkooperativen Beamtin nicht abgenommen, weil ich keine Aufenthaltserlaubnis über 3 Monate für  Lome  habe, soweit ihrem unsauberen englisch zu entnehmen war. Am 2.Tag ist angeblich Konferenz und am 3. Tag ist Mittwoch, also ist hier Ruhetag. Eines fernen Tages agieren Beamte vielleicht einmal als Dienstleister. Bis dahin bin ich ihr Postbote und Bittsteller. Am 4. Tag habe ich sogar Hausverbot, d.h. der Securite lässt mich gar nicht bis zum Emmpfang vor. Ich passe einen herauskommenden Mitarbeiter ab, der sich herablässt mir zu erklären, dass ich 100 Tage Residenz in Togo nachweisen muss, um überhaupt einen Visa-Antrag stellen zu können.
Ich nutze die verbliebende Freizeit um endlich mal wieder im Atlantik hinter dem Standplatz von Alice zu baden.

Mein Stellplatz befindet sich inmitten einer afrikanischen Wohnanlage. D.h. ich wohne mit den Togolesen zusammen, die Angestellte von Cez Alice sind. Ich kann das afrikanische Leben unmittelbar beobachten.
Wegen der fehlenden Kanalisation nutzen hier, wie bisher in den anderen Ländern Schwarzafrikas Männer wie auch Frauen ziemlich ungeniert die große Toilette.
Eine funktionierende Krankenversicherung gibt es hier natürlich noch nicht. In Not kann man auch an einen Scharlatan geraten. Hier ist es ein Firmenschild (oder besser Transparent, hier noch aus Burkina Faso), auf welchem ein „Wunder“- Heiler seine Dienstleistung anbietet. In Chez Aliice kann ich wie bisher in allen anderen afrikanischen Ländern beobachten, dass der Gast nicht unbedibngt auch König ist. Das sind hier grundsätzlich die Angestellten. In jedem Restaurant sind mind. 5 Angestellten-Augenpaare auf den Gast gerichtet. In den guten Hotels kümmern sie sich noch um den Gast. In den weniger guten sitzen sie auf den besten Plätzen, schauen Fernsehen und lassen sich vom Gast stören. Für Beschallung ist also rund um de Uhr gesorgt. Arbeiten am PC, ggf. mit WiFi ist also nur für gute Nerven möglich.

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Kategorien: Reiseberichte, West-Afrika | Schlagwörter: | 6 Kommentare

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6 Gedanken zu „Togo 2.8. – 17.8.12

  1. Peargarden

    ja wir wollen noch Bilder sehen! 🙂

  2. Barbara

    …natüüüürlich wollen wir noch Bilder sehen…früher oder später!- Du stehst ja vor qualvollen Entscheidungen.-Wie iss mit Konvoi nach Südafrika, zu Wasser und zu Land???- Jeder Tunnel hat ein helles Ende(nicht nur die Lichter des Zuges).Trust yourself…vertraue(wie so oft) deiner Intuition. Dann wird es sicher bald wieder heller!?!

  3. Frank

    Ich auch, ich auch. Bilder vermitteln einen viel besseren Eindruck und man kann sich vorstellen was du gerade erlebst.

  4. Kerstin Creuz

    Hallo lieber Reisender,

    ebenso wie mein Freund Frank verfolge ich mit Begeisterung und Respekt den Verlauf deiner Reisen. So gut wie ganz allein durch diese fremde Welt zu reisen, das nenne ich Mut! Aber … wenn man den hat, dann kann man sicher Unvergleichliches erleben … wie sonst auch im Leben :-). Ich wünsche dir weiterhin viel Freude bei deinen Vorhaben und immer die nötige Portion Glück dabei.

    Viele Grüße in die Ferne …. aus Berlin-Lichtenberg

    von Kerstin

    • Alles Allein zu schultern ist nicht immer so einfach. Mit der Unabhängigkeit wächst die Einsamkeit. Da brauche ich eine große Portion Glück, danke.

  5. Barbara

    Der Wasserfall ist toll, erinnert mich an Marokko. Hattest du diesmal die Badehose mit?-Wenn du über die Kolonialzeit und ihre Auswirkungen eines Tages schreiben möchtest…dann wirst du zuhause sicher auch gerne das Buch lesen, was ich gerade verschlinge(u.a. wenn ich auf der Botschaft warte)“die flüsternden Seelen“…von den Herren, die die schwarzen Füße in Schuhe zwingen und Hände in weiße Handschuhe, von Priestern, die afrikas Dämonen und Götter vernichteten, die Tänze verbieten und die Freude hemmen wollten. Von der afrikan. Seele, menschlicher Identität, von Revolte und Befreiung.- Auf nach Benin und good luck!

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