Kongo Brazzaville 14.9. – 12.10.12

Hinter der Grenze Ngongo ist die Sand- bzw. Lateritpiste nicht mehr gut befestigt, sondern recht zerwühlt. Im Schlamm hätte ich ohne Alllrad keine Chance gehabt. Aber die Regenzeit ist hier im Süden Kongos erst wieder im November. So hatte ich wenigstens die Chance, es ohne Hilfe durch die „Wüste“ zu schaffen. Glück im Unglück. Das Unglück bestand jetzt darin, dass der bis zu knöcheltiefe, sehr feinkörnige Sand staubte, dass man die Hand nicht mehr vor den Augen sehen konnte. Manchmal der eigene Staub, wenn der Wind von hinten stand. 520 km von Ndende bis Mindouli Staub, der durch alle Ritzen zog. Die Hecktür schließt zudem seit dem Unfall in Usbekistan nicht mehr richtig. Der komplette Innenraum z.T. voll eingestaubt. Das geht an die Substanz. Ab Dolisie kam dann noch LKW- Verkehr hinzu. Die LKW´s bretterten über die Piste, dass ich einige Minuten gar nichts mehr sah. Nicht ganz ungefährlich.  Und dann ist mal wieder auf der katastrophalen Strecke ein LKW samt Last umgekippt.

Außerdem habe ich mit meinem Blechgehäuse das Tempo drosseln müssen, sonst hätten sich auf der Wellpiste alle Schrauben gelöst. Ich selbst war natürlich auch eingestaubt. Meine relative Verelendung nimmt zu. Ich kann irgendwann wieder nach Hause fahren, aber die, die hier leben müssen, kommen nicht raus aus dem Staub oder dem Schlamm. Ein recht unwürdiges Leben. Erstaunlich, wie Viele dabei ihre Würde behalten. Es ist gerade im Kongo ein sehr ärmliches Leben, und die Menschen haben nie eine Chance, da raus zu kommen. Hier einige Weggefährten, wenn auch nur für wenige Augenblicke. Sie erwarten von mir kein Geld, sondern nur etwas zu Essen.

Mehr Informationen s. dazu im Blog-Artikel „Hunger und kannibalische Weltordnung“ (s. unter „Meine Weltsicht“).
Für die 520 km habe ich 3 volle Fahr-Tage gebraucht. Ein Schnitt von 20 km/h. Ab Dolisie wird die Straße in Richtung Brazzaville gerade von den Chinesen gebaut. Die schütten auf der Umgehungsstraße Gestein und darauf diesen Sand, der sich entweder zu unerträglichem Staub oder Schlamm verwandelt. Es ist zwar nur ein Provisorium, trotzdem frage ich mich: Wie kann man Mensch und Maschine diesem Zustand aussetzen? Zwischen Mindouli ist die befestigte und geglättete Sandpiste fertig. Ab Kinkala bis Brazzaville ist dann wieder Asphalt.
Übernachtet habe ich in dem kleinen Dorf Kibangpu an einer katholischen Kirche (ehemals Mission). Früh um 6 bin ich fast aus dem Bett gefallen vom Läuten. Ich hatte übersehen, dass die Autofelge, an die mangels Glocken geschlagen wird, genau neben meinem Auto hang. Dann konnte ich dem Gesang lauschen, der dem Gospel entlehnt schien. An dem Halleluja und Amen schloss ich, dass der Text dem zu Hause glich. Aus der Fröhlichkeit war zu schließen, dass diese Gläubigen hier nicht mehr missioniert werden müssen. In Loudima ließ mich die Ordensschwester im Hof des sehr gepflegten Klosters (Monastere) stehen.

Sie bot mir ein sauber eingerichtetes Zimmer an, in dem ich auch duschen konnte. Ich habe versucht mich vom Staub zu befreien und im Auto geschlafen. Wieder früh um 6 läuteten zärtlich die Glocken. Zuerst lauschte ich im Auto dem Gesang der Schwestern. Anschließend kamen einige Ortsbewohner zur Sonntagsmesse.
Als Atheist habe ich Respekt vor dem Glauben, und kann mir vorstellen, dass der Glaube für Viele eine wichtige Richtschnur ist, um sich im Leben zurecht zu finden. Rational eingestellte Menschen, die die Dinge logisch erklären, finden nicht so schnell zu Gott, als Menschen, die aus dem Bauch entscheiden. Aber der Rationale kann seine Erkenntnisse durch die „Logik des Herzens“ vervollkommnen, denn „das Herz hat seine Gründe, die der Verstand nicht kennt.“ Mein Respekt vor dem Glauben macht kein Unterschied zwischen Christen, Muslimen oder Juden. Das neueste islamfeindliche Mohammed-Video, wahrscheinlich aus religiös-fundamentalistisch-christlichen Kreisen, dient lediglich dazu, friedliches Miteinander von Menschen unterschiedlichen Glaubens zu verhindern. In der islamischen Gesellschaft wird diese Beleidigung kollektiv erlebt und erlitten, weil dort das Leben des Individuums stärker vom Kollektiv abhängig ist. Westliche Menschen haben die Renten-, Kranken-,  und Arbeitslosenversicherung. Sie sind weniger auf die Familie angewiesen als die Menschen im Islam, wo es solche sozialstaatliche Sicherungen nicht gibt. Das Individuum dort benötigt in Krisenzeiten die Unterstützung der Familie zum Überleben. Das verbindet. Und da unterscheiden sich auch die Schiiten nicht von den Sunniten. Wenn die Kanzlerin meint, Gewalt sei kein legitimes Mittel als Antwort auf Provokationen, sollte sie das aber auch bei kriegerischen Einsätzen der Bundeswehr im Ausland.
In Mendouli habe ich mich zum einzigen Hotel bringen lassen. Bevor ich die „Stadt“ erreicht hatte, war es schon dunkel. Auf der Baustelle habe ich auf einer aufgeschütteten Erd-Welle aufgesetzt, o Schreck. Konnte mich aber noch mal befreien. In der Nachtbar des Hotels habe ich mit den Afrikanern getanzt, jeder für sich vor einem Wandspiegel. Nach nur 2 Bier war mir so schlecht, dass ich flüchten musste. Das lag wohl nicht an dem Bier, sondern an der Anstrengung ohne richtiges Essen. Wasser und Diesel hatte ich ausreichend getankt. Unterwegs einkaufen ist eher schwierig, Tankstellen gibt es an der gesamten Strecke (Baustelle) nicht.
Nach 3 Tagen Kampf gegen Staub und superschlechten Pisten bin ich froh in Brazzaville gleich das unter Travellern bekannte Hotel „Hippocampe“ zu finden. Der Betreiber, Olivier, ist ein Franzose, der hier mit seiner vietnamesischen Frau  und Kindern lebt und selbst vor nicht langer Zeit mit dem Fahrrad um die Welt gefahren ist. Er hat Sein Herz für Traveller, die hier umsonst stehen können. Am 2. Abend stellt er mir den Franzosen Jean Louis vor, der gerade mit seinem Ural-Motorrad-Gespann angekommen ist.

Jean hat etwa die gleiche Strecke hinter sich, ist aber schon 18 Monate unterwegs. Er fährt um zu reisen, nicht umgekehrt. Wahrscheinlich braucht man diese Einstellung, gerade hier in Afrika. Es war gut, sich wieder mal auszutauschen zu können. Er lebt jetz in New York und hat mal in Deutschland gelebt und spricht daher ein gutes Umgangsdeutsch, wenn auch mit typischen Akzent. Ich fahre am 19.9.12 zum Beach (Port), um nach Kinshasa überzusetzen. An der 1. Einfahrt zum Personenhhafen sind die Formalitäten zu erledigen (Immigration, Custom). An der 2 Einfahrt erhält man das Ticket für die Lastenfähre. Mein Auto wird per Kran auf ein Pontom geschaukelt.

Die Überfahrt dauert nicht lange. Ich genieße den Blick zum anderen Ufer nach Kinshasa und zurück nach Brazzaville.

Am Nachmittag legen wir im Hafen Kinshasa an. Leider wird das Auto noch nicht entladen. Wir klettern über 4 Pontons und an der Kaimauer hoch. Ein Schwarzer hat Mitleid mit einem alten Mann und nimmt mich an die Hand und lässt sie aber nicht wieder los. Das Bild zweier Männer Hand in Hand sieht man in Afrika oder in Arabien oft. Aber kein Grund um auf schiefe Gedanken zu kommen. Dann fragt mich ein Beamter, warum ich mein Visa nicht in Berlin, sondern in Togo beantragt habe. Ich bekomme noch keinen Eingangsstempel sondern werde nur wie schon hunderte Male in ein Buch eingetragen. Ich kann mich frei bewegen und gehe in Kinshasa essen und ziehe am Bank-Automaten zu meiner Überraschung Dollar Noten. Ich beschließe auch im Dunkeln wieder über die Pontons zu klettern, um im Auto zu schlafen. Ich verbringe die Nacht schwimmend auf dem Congo, dem wasserreichsten Fluss Afrikas. Morgens mache ich Frühstück und esse zum Kaffee meine eiserne Ration aus Zwieback zwischen Kinshasa und Brazzaville.

So begann der Tag eigentlich ganz gut für mich und ich ging zum Immigrationsbüro ohne zu ahnen, dass ich das Auto lange nicht wider sehen werde. Die Grenzbeamten bespannen in einer riesigen Halle die fast schwarzen Wände ihres Büros mit Stoff. Als erste Dekoration hängt schon das Bild des Präsidenten Joseph Kabila, der das Amt vom Vater übernahm, dann aber durch Wahlen bestätigt wurde. Die Beamten lassen mich warten und nach Rücksprache mit ihrem Chef eröffnen sie mir, dass ich nicht einreisen kann, weil ich das Visum nicht in Berlin, sondern in Togo bekommen habe. Das sei nicht korrekt. Ich gehe in die Halle, um den Chef zu sprechen. Für diesen Alleingang werde ich hinter Gitter gesperrt. Dann begleiten mich 4 Männer in ein Auto. Sie lassen mich im Glauben, dass die Angelegenheit geklärt wird. In Wirklichkeit fuhren sie zur Abfertigung in Richtung Brazzaville. Da ich nicht freiwillig auf die Fähre ging, drohten 2 Schlägertypen mit Fäusten und wurden handgreiflich. Mir wurde klar, dass jeder Widerstand zwecklos ist und fragte noch, was mit meinem Auto wird. Man versicherte mir, dass es hinterhergeschickt wird. Dann wurde ich auf ein Boot bugsiert und nach Brazzaville zurück abgeschoben, getrennt vom Auto und von allen persönlichen Sachen. Mir verbleiben nur die Sachen auf dem Leib und meine Umhängetasche mit dem Pass. Das Visum DR Kongo wurde 3-mal mit „Annule“ gestempelt.
Werden die Afrikaner, die vor Repressionen flüchten, auch so von europäischen Ländern abgeschoben? Dann brauche ich mich nicht zu wundern. Andererseits kocht die Wut in mir, denn von vielen Lösungen war das die Mieseste, die mir die Behörden angedeihen ließen.
Die Behörden in Brazzaville machten kein Problem und setzten ihren Ausreisestempel wieder außer Kraft. Das begriffen nun aber die Polizisten nicht, die mich kontrollierten. D.h. sie wollten nicht begreifen. Alle die dort angehalten wurden, geben freundlich die Hand mit Schein. Zum Glück war Jean Louis im Hotel. Er fuhr mich am nächsten Tag zum Hafen. Natürlich war mein Auto nicht da und ich begriff langsam, dass ich mich selbst um den Rücktransport kümmern und bezahlen muss. Als erstes verlängerte ich bei der Immigration in Brazzaville mein Visum um 3 Monate (50,-€).  In Angola muss ich lt. Visum, welches Barbara in Berlin eingeholt und nach Kinshasa geschickt hat, bis zum 21.10.12 einreisen. Ich habe also Zeit die Frage zu klären, wie ich dahin komme. Wie schon in Dakar stehe ich wieder vor dem Scheideweg: Ein neues Visum beantragen und auf dem Landweg weiterfahren, oder die Rückreise antreten über den Seeweg ab Pointe-Noire? Die Alternative über die Fähre bei Luozi oder über die Brücke bei Matadi verwerfe ich, weil die Anfahrt ohne Allrad nicht möglich sein wird. Ich vertraue mich der Fa. ONATRA an. „Mr. DeVito“, so nenne ich ihn mal, will sich kümmern, natürlich erst als ich im Voraus bezahlt habe. Ich habe aber keine große Wahl. Der Rücktransport des Autos verzögert sich von Tag zu Tag und ich habe nicht einmal eine Zahnbürste.
Am Sonntag gehe ich in die Basilika Sant Anne. Ein beeindruckendes Gebäude, das innen eine göttliche Ruhe ausstrahlt.

Da gerade die Messe beginnt, bin ich wieder beeindruckt von dem stimmgewaltigen afrikanischen Chor. Ich muss als Atheist nicht an der Zeremonie teilnehmen, und bin überrascht, als mir die Banknachbarn die Hand reichen. Das Haus ist gut besetzt. Was mich mit den Menschen dort verbindet, ist der Wunsch nach Harmonie und Geborgenheit, abgeschirmt von der rauen Außenwelt. Der Ausgang mündet in eine der typischen unbefestigten, schmutzigen Straßen, in denen das Leben auf der Straße stattfindet, das Markttreiben brodelt, gekocht und gegessen wird. Das teure Zentrum dagegen ist abends und am Wochenende fast leer. Bis auf ein Café mit europäischem Ambiente.
Im Hotel bereitet sich ein junger Mann auf die Weiterfahrt mit seinem Fahrrad vor. Er ist schon 3 Jahre in Afrika unterwegs und verdient sich als Computer-Spezialist das nötige Reisegeld.

An die deutsche Botschaft in Kinshasa, die für Brazzaville mit verantwortlich sein soll, richte ich folgende Fragen: Die DR Kongo erklärt die Forderung, dass Visum nur im Heimatland zu beantragen sind, mit Fragen um die Sicherheit. Das Visum habe ich in Togo (Lome) von der Botschaft der DR Kongo auf der Grundlage eines Residenz-Zertifikates erhalten. Auch wenn das Zertifikat von der Polizei  und nicht von Immigration ausgestellt wurde, bleibt die Verantwortung ein unkorrektes Visum ausgestellt zu haben, bei der DR Kongo. Für eine Rundreise durch Afrika benötige ich etwa 1 Jahr und für etwa 14 Länder ein Visum. Bei meiner Abfahrt am 15.5.12 waren mir 3 Länder bekannt, die ein Visum nur im Heimatland vor Abreise ausstellen. Die DR Kongo war nicht dabei. Ein Visum ist bis zur Einreise i.d.R. 3 Monate gültig. Bis zur DR Kongo habe ich auf dem Landweg etwa 5 Monate gebraucht. Damit ist es unmöglich ein Visum vor der Abfahrt im Heimatland zu beantragen. Außerdem ist es unmöglich 1 Jahr im Voraus für etwa 26 Länder Einreise- und ausreisedatum zu planen und sich zeitlich festzulegen. Mit unerfüllbaren Forderungen wird das Reisen auf dem Landweg zur Unmöglichkeit. Das Visum für Angola z.B. wurde in Berlin ausgestellt, obwohl ich nicht persönlich in Berlin war. Damit wurden alle Sicherheitsbestimmungen wieder außer Kraft gesetzt. Das gleiche trifft auch auf ein in Berlin ausgestelltes Visum für die DR Kongo zu, das ich nicht persönlich beantragt habe. So wird meine Ausweisung wegen eines lächerlichen Formfehlers, für das das Land selbst verantwortlich ist, zur reinen Farce. Auf meine Fragen erhalte ich von den Diplomaten natürlich keine Antwort.
Zuerst versuche ich ein Transitvisum für DR Angola zu bekommen und hoffe dabei auf ein Einsehen der Behörden der DR Kongo, die einen Fehler gemacht haben Aber von einem restriktiven Staat kann man kein Entgegenkommen erwarten Die deutsche Botschaft schickt mir eine Empfehlungsschreiben, das für das Nigeria-Visum sehr nützlich war. Das in Togo von der Polizei ausgestellte Residenz-Zertifikat bleibt dagegen reine Makulatur. Zwischenzeitlich beauftrage ich Mr. de Vito damit, mir Unterlagen und den Laptop als meine hier dringend erforderliche Kommunikationsmöglichkeit aus dem Auto zu holen. Dazu muss ich ihm den Auto- Schlüssel aushändigen. Als ich mir das schriftlich geben lassen will erklärt er, dass das Vertrauenssache ist. Aber was bleibt mir übrig, ich kann nicht wie er auf die andere Seite des Flusses fahren.
Jean Louis begleitet mich zur Botschaft der DR Kongo in Brazzaville und erläutert mein Anliegen, was mir ohne französisch zu sprechen, nicht möglich gewesen wäre. Die Behörde gibt mir zu verstehen, dass ich ein Transitvisum erhalte, wenn die deutsche Botschaft beim Außenministerium der DR Kongo anruft. Aber wie die Behörde der DR Kongo lässt mich auch die Deutsche Botschaft im Regen stehen. Keiner will sich nur wegen eines Touristen nass machen. Darüber sollte sich jeder Traveller im Klaren sein: Reisen ist Privatsache, Hilfe ist nicht zu erwarten, obwohl die Deutsche Botschaft dazu, lt. Aussage des Auswärtigen Amte in Berlin, verpflichtet wäre.
Interessant in diesem Zusammenhang ist vielleicht, wie die Visa- Erteilungspraxis in Deutschlands aussieht. Auf ein Visum nach Deutschland muss man lange warten. Die Wartezeit etwa in Shanghai und Kairo beträgt 9, in Moskau, Novosibirsk oder Peking 5 und 6 Wochen. In Kiew sind es sogar 11 Wochen bei normalen Besuchsreisen. Lange Wartezeiten schrecken ab, wenn ein großer finanzieller und zeitlicher Aufwand mit fraglichem Ausgang betrieben werden muss. Die Erteilungspraxis ist überaus streng. Bei den Hauptherkunftsländern von Asylsuchenden und afrikanischen Staaten gibt es Ablehnungsquoten von einem Drittel bis über 50 %. Familienbesuche und der wichtige zivilgesellschaftliche Austausch werden durch diese restriktive Visapraxis behindert. Aber auch die wirtschaftlichen Beziehungen werden erschwert. Die Teil- Privatisierung des Visumverfahrens ist für die Betroffenen mit erheblichen Mehrkosten verbunden. Die Bundesregierung setzt nicht genügend Personal in den Botschaften ein. Die Beseitigung der Visumspflicht wäre die beste Erleichterung. Diese Forderung aber stellt in Deutschland nur eine der Oppositionsparteien, die Linke. Wenn Deutschland Angst vor Asylsuchende hat, sind die Motive durchsichtig. Wenn aber die DR Kongo mit Touristen so verfährt, bleiben mir deren Motive völlig im Dunkeln. Vor wem oder was haben die Angst?
Nachdem ersichtlich wurde, dass ein Transitvisum am Unwillen der deutschen Behörde und der der DR Kongo scheitert, entschließe ich mich, ein Visum für DR Kongo aus Berlin einzuholen, was mit erheblichen Mehrkosten und Zeit verbunden ist. Allein die Versendung mit DHL kostet 200,-€ hin und zurück. Das Visum kostet noch einmal 85,-€. Da ich mit der DR Kongo nichts mehr zu tun haben will, ist ein 30 Tage-Visum viel zu viel, aber ein Transitvisum ist nicht zu haben. Die ca. 800 km für eine Durchfahrt werden damit die teuersten der ganzen Reise und sind zugleich kürzesten für ein Land. Aber es gibt dazu keine Alternative, wenn ich nicht die Rückreise antreten will.
Zum Glück gelingt es mir mit Hilfe von Mr. DeVito und natürlich mit Hilfe von Jean Louis, zu verhindern, dass mein Auto nach Brazzaville zurück verschifft wird, wie ich es ursprünglich wollte. Aber nun lebe ich schon 3 Wochen getrennt von meinen persönlichen Sachen, nun kommt es auf eine Woche auch nicht mehr an. Damit spare ich mir auch den nochmaligen Transport des Autos nach Kinshasa, verbunden mit dem ganzen Behördenrummel und lästigen Beamten, die sich nur auf Kosten anderer profilieren wollen.
4 Wochen mit Androhung von Gewalt getrennt von allen persönlichen Sachen. So werden nicht einmal Kriminelle behandelt, wenn sie ins Gefängnis müssen, oder? Aber der Mitarbeiter der Deutschen Botschaft meinte nur, dass ist ebenso hier, die DR Kongo hat in allen Fragen das Hoheitsrecht. O.k., auch dann wenn es Unrecht ist? Aber daran scheint sich hier niemand zu kratzen.
Wir vertreiben uns derweil die Zeit in dieser zum Zeitvertreib ungeeigneten Stadt. Wenn Jean Louis mit seinem Motorrad mit mir auf dem Gespann durch die Stadt fährt, gibt es immer ein großes Hallo. Die Polizei hält uns sehr oft an, nur um das Motorrad-Gespann zu bestaunen. Wir gehen ins Kino, wo ich nicht viel verstehe. Wir beteiligen uns einmal die Woche am Buffet im Hotel und essen uns so wieder Kraft an. Jean Louis, der ebenfalls auf sein in den USA beantragten Visum wartet, schläft auf dem Hof des Hippocampes in seinem Zelt und ich in einem eigens herbeigeholten Bett, was in einem großen Abstellraum gleich neben dem Biergarten des Hotels steht. Das Hotel war gerade voll ausgelastet. Das war mir trotz aller Einschränkungen ganz recht, weil so wenigstens keine weiteren Hotelkosten entstehen. Wir dürfen als Touristen hier kostenfrei stehen, auch ich, nachdem ich ohne Auto zurückkam. In dem Hotel sind viele Weißgesichter zu sehen. Keine Traveller wie wir, sondern Geschäftsleute. Z.B. Schweden, die hier in einem in die Luft gegangenes Munitionslager nach Resten scharfer Munition suchen. Oder die russische Fliegerstaffel, die hier mit ihren Hubschraubern auch Minister der DR Kongo fliegen. Das sind wohl die Überbleibsel aus der Zeit, als es zwischen dem 1. sozialistischem Land in Afrika und der Sowjetunion gute Beziehungen gab. Die Russen waren begeistert von Jean Luois Ural-Motorrad. Aber meist sind es Franzosen, die hier beruflich unterwegs sind. So z.B. das ältere Pärchen, das hier archäologisch tätig ist und Seminare vor Studenten des Kulturministeriums hält.
Da ich meinen Laptop wieder habe, kann ich lesen, auch ohne Buch, z.B. von Juli Zeh, Juristin und Schriftstellerin und in beiden Rollen hochpolitisch: „Ein mündiger Bürger der Aufklärung ist, wer die Freiheit hat herauszufinden, was man möchte. Dazu gehört eine bestimmte innere Haltung. Also nicht: Ich will geführt werden, die Welt ist zu groß, ich möchte mich am liebsten in meinem Zimmer verbarrikadieren. Nein. Es muss heißen: Ich bin neugierig, die Welt ist groß und das ist schön, ich habe viele Möglichkeiten und möchte die gern nutzen“. Es gibt so viele kluge Leute, die viel zu sagen, aber leider nicht das Sagen haben.
Das Visum für die DR Kongo, das Barbara für mich in Berlin eingeholt hat, kommt rechtzeitig im Hotel an.
Inzwischen habe ich in Kinshasa bei der Post telefonisch jemand gefunden, der meint, er wüsste wo meine Post (Angola-Visum) jetzt  ist. In dem Glauben, wir hätten Zeit, haben wir diese nicht mit DHL geschickt, was sehr riskant war. In Kinshasa bleibe ich vielleicht ein bis zwei Nächte und fahre dann in 2 Tagen bis zur angolamischen Grenze. Vielleicht warte ich auf Jean Louis und wir fahren zusammen bis zur Grenze. In Angola muss er sich sputen, weil er für die ca. 2.000 km nur ein Transitvisum hat, also 5 Tage. Ich kann mir ab Einreise 30 Tage Zeit lassen in Angola. Danach beginnt wieder die visafreie Zone, in Ländern, in denen man auch Urlaub machen kann.

Am Freitag den 12. Lasse ich mich ohne weitere Probleme auschecken und bezahle für 15 Dollar eine Schnellfähre. „Mr. Devito“ managt das Ganze. Und ab geht es über den Fluss. Ich hoffe, das Abenteuer kann nach einer Zwangspause weiter gehen. Endlich wieder auf der Piste!
Nach Kongo (Brazzaville) verlasse ich auf meiner Afrikareise den von Frankreich seit der kolonialen Unterdrückung beeinflussten Teil Afrikas. Einige Länder haben ihre Unabhängigkeit vom Kolonialismus erst vor wenigen Jahren erlangt. In anderen Ländern, wie die Elfenbeinküste, besteht der „zivile“ Kolonialismus weiter. Von Ali Bongos Vater, der sich in Gabun mit Frankreichs Hilfe mehr als 40 Jahre an der Macht gehalten hatte, stammt der Slogan: „Afrika ist wie ein Auto ohne Fahrer, aber Frankreich ohne Afrika ist wie ein Auto ohne Sprit.“
Korruption ist für Touristen auf dem Landweg ein ständiger Begleiter, insbesondere an den Grenzen, wie aber auch bei Kontrollen von Polizei und Armee im Landesinnern. Wenn die Landesfürsten es ihren Staatsdienern vormachen braucht man sich nicht zu wundern. Mehr Informationen s. dazu im Blog-Artikel „Afrika und korrupte Staatschefs“ (s. unter „Meine Weltsicht“).

Das war die Route von Benin bis Kongo Kinshasa

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Kategorien: Reiseberichte, Süd-Afrika | Schlagwörter: , | 8 Kommentare

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8 Gedanken zu „Kongo Brazzaville 14.9. – 12.10.12

  1. barbara

    Nach unserem Skypen war ich doch seeeehr neugierig, einen Einblick in diese Reiseetappe zu bekommen…auch wenn ich auch schon sooo müde bin.-Weißt du, mein lieber Atheist mit Respekt vor denen die an einen Gott glauben…bevor Jemand zu Gott findet, hat Gott ihn schon längst gefunden…und die ganze Fahrt über stehst du schon unter seinem Schutz.

  2. Hej! Ich habe gerade alle Berichte gelesen – super spannend, was Du erlebst. Und Du bist uns ein paar Monate voraus: Wir wollen auch ein Jahr lang um Afrika herumreisen! 😀
    Wir haben einige Bedenken, was Nigeria und Angola angeht: Hast Du einen Tipp, wie und wo man das Nigeriavisum am besten beantragt? Wie lief es mit dem Angola-Visum? Gilt es ab Ausstellungsdatum 30 Tage oder ab Einreisedatum? Gibt es auch ein „normales“ Visum für Nigeria? Wie ist die Sicherheitslage momentan dort?
    Ich freue mich, wenn wir in Kontakt bleiben!
    Viele Grüße,
    Astrid

  3. Dorothea Schulz

    Hallo Manfred,ganz herzliche Grüße aus dem schon langsam herbstlichen Mecklenburg . Lese Deine Berichte mit dem Wunsch, daß Deine Fahrt gut zu Ende gehen möge. Habe an Deinen Schutzengel appelliert ( s. Barbaras Kommentar ). Also paß auf Dich auf, alles Gute
    Gruß.
    Dorothea,

    • Hallo Dorothea, deine Grüße ereichen mich erst jetzt. da ich unter Androhung von Gewalt eines Landes verwiesen, und mein Auto einbehalten wurde. Meine Schutzengel haben mich wohl in diesem Moment aus den Augen verloren. Oder es haben zu wenige an mich gedacht, so dass mich einfach das Glück verlassen hat.

  4. barbara

    Manne, weißt du, im Zeitalter der Personaleinsparungen kommen auf 1 Engel 1000 Schützlinge. Es sei denn man hat einen ganz persönlichen eingestellt. Bei dem Mangel an Engeln kommt es schon mal zu Ausfällen im Leistungsbereich.- Du bist aber einigen anderen Engeln begegnet, z.B. Jean Louis.

  5. Dorothea Schulz

    Hallo Manfred,
    Du kannst sicher sein , daß Deine Schutzengel arbeiten.Ich bin fest davon überzeugt. Sonst wäre schon Schlimmeres passiert ….Jetzt gehts ja darum , daß Du heil nach Hause kommst !! Freu Dich auf Dein Leben in Berlin , in Hermsdorf , mit Barbara und der Familie. Ich finde , wir haben soviel Grund , dankbar zu sein … Freue mich auf ein Wiedersehen , herzlichst Dorothea

    • Hallo Dorothea, es ist schon erstaunlich, dass ich fast immer in den richtigen Momenten Menschen kennen lerne, die völlig uneigennützig in der Not helfen.

  6. Dorothea Schulz

    Hallo Manfred,
    siehst Du wohl !! Stimmt , wenn man glaubt , nichts geht mehr , kommt plötzlich Hilfe. Das ist auch meine Erfahrung. Denke viel an Euch , ich will Barbara die Tage mal anrufen.
    Gute Weiterreise , herzlichst , Dorothea

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