Reise Europa-Ost

RouteEuroOstGefahrene Route vom 20.6. bis 27.8.2017 über Polen, Kaliningrad (RUS), Litauen, Lettland, Russland, Finnland, Schweden, Norwegen und Dänemark: 7.740 km in 67 Tagen und 47 Etappen.
Die Route berührt nur EU-Staaten im Schengener Raum, außer Russland, in dem ein Visum erforderlich ist. Eine andere Währung als € gibt es in Polen, Russland, Schweden, Norwegen und Dänemark. Das nervt, wie das Visum.
Alle Staaten sind in der Nato, außer Russland. Mit der bereits gefahrenen Route „Rund um die Ostsee“ kreuzt sich diese Route nur in Litauen, in Vaasa (Finnland) und Trondheim (Norwegen) .
Es ist das 4. Jahr nach der Asien- und Afrika-Reise mit „nur“ einer weiteren Europatour. Damit war ich in den letzten 8 Jahren etwa 3 Jahre unterwegs. Der 3. Teil der Weltreise: 1 Jahr durch Süd- und Nord-Amerika, steht noch aus. Je länger ich damit warte, um so unwahrscheinlicher wird es diese noch zu realisieren.
Unterwegs bin ich immer noch mit dem als Camper selbst ausgebauten Toyota. Jetzt aber nicht mehr im alten Mr. „Hiace“, sondern der neue Typ heißt jetzt „Proace“, der Nachfolger aus der Toyota-Serie. Den Camper-Ausbau habe ich im Blog näher beschrieben (s. „In eigener Sache“). Das Fahrrad, das ich nur für kurze Ausflüge und für Fahrten in größere Städte nutze, hängt wieder hinten an der Kupplung.

In Polen halte ich mich, wie auch in Litauen und Lettland, nicht lange auf. Das Wetter kühlt ab und wird launisch. Ich fahre in die Sonne, die Wolken trotten hinter mir her. Nördlich von Chojnice finde ich an einem See ein Campingplatz am Hotel für mich allein.
 

Nahe Sztutowo, westlich von Danzig, gehe ich in der Ostsee baden und beobachte, wie schon am See in Chojnice, die Sonne beim Untergang.
 

In Elblag gibt es nahe der City einen netten Campingplatz, der relativ dicht mit Wohnwagen besetzt ist. Ich finde eine Werkstatt, die mir am Fahrrad einen neuen Mantel montiert, um in das nahe Zentrum zu fahren.

Nach meinem Erkenntnisstand ist die Einreise nach Russland über Weißrussland nicht erlaubt, weil dort die Grenze nicht kontrolliert wird. Wenn schon ein Visum für Russland, dann eins mit doppelter Einreise. Also verlasse ich den Schengener Raum und fahre durch Kaliningrad, eine nach dem 2. Weltkrieg entstandene russische Enklave zwischen Polen und Litauen. Der Grenzübergang ist relativ entspannt. Gerade noch so viel Zeit, um mich mit einem jungen Radfahrer aus Deutsch zu unterhalten, der in Frankreich gestartet ist und auch nach Moskau und Sankt Petersburg will, mit dem Fahrrad. Da wird es leider schwierig sich wie meist ein zweites Mal zu sehen, obwohl er auch auf der Straße fahren muss, denn in Russland gibt es so gut wie keine Fahrradwege. Durch Deutschland zu fahren war für ihn eher langweilig und er ist gespannt auf Osteuropa. In Russland ist es (noch) nicht üblich mit dem Wohnwagen zu reisen, deshalb gibt es auch so gut wie keine Campingplätze. Dass man nicht mehr in der Eurozone ist, merkt man auch sonst sofort: Ein anderes Preisniveau (umgerechnet in Rubel), keine aus dem Westen importierten Supermärkte, mit wenigen Ausnahmen wie Mac Donald z.B. Das Straßennetz ist gut ausgebaut, außer in Kaliningrad selbst. Ohne Navi wegen der vielen Baustellen unmöglich zu finden, erreiche ich den über Basecamp gefundenen Campingplatz am östlichen Stadtrand am Hotel Baltic (N54° 42.473′ E20° 36.942′), mit Blick auf einen kleinen See. Vorher ist es mir noch gelungen den zweiten Navi mit einer nicht Garmin konformen Software und mit einer Russlandkarte zu bestücken. Nach einem Missverständnis musste ich feststellen, dass der im Auto integrierte Navi keine Russlandkarte beinhaltet.


Da nur eine Autobahn ohne Fahrradspur in die nahe City führt, fahre ich mit dem Bus und nehme das Fahrrad mit.

Im Bernsteinmuseum wimmelt es nur so von Bernstein. Ganze Schiffe werden daraus geschnitzt. In der Nähe wird er im Tagebau tonnenweise abgebaut. Etwa 80% der Weltvorräte lagern hier auf der Halbinsel. Viel geredet wird vom Bernsteinzimmer, das noch immer verschollen ist. Mit Kaliningrad hat es nur so viel zu tun, dass es hier am Ende des 2. Weltkrieges von den Nazis im vom Krieg zerstörten Schloss ausgestellt wurde, wo das bis heute noch nicht fertiggestellte sowjetische Haus steht. Im dem von ihnen angefangenen Krieg handelten die Faschisten nach dem Motto: Geschenkt ist geschenkt (vom Fürsten an den Zaren), wiederholen ist gestohlen. Eine Kopie des kompletten Bernsteinzimmers steht heute wieder in Sankt Petersburg. In Deutschland gefundene Teile des Originals wurden an Russland zurückgegeben.

Sonntags wird, wie in Russland üblich, an den schönsten Plätzen geheiratet, wie hier am Dom. Auch die Matrosen sind hier ausgelassen und feiern abends mit ihren Familien im Hotel Baltic.

Unterwegs kurbelt mir die Pedale vom Fahrrad ab, das schon in die Jahre gekommen ist, aber für diesen Zweck noch gut genug ist. Zum Glück besteht die Möglichkeit mit dem Bus zurückfahren. Die Preise für die Öffentlichen sind auch noch aus sowjetischen Zeiten, also spottbillig. Nicht so wie im Auto-Deutsch -land, wo es mit dem Auto etwa so teuer wie mit den Öffentlichen ist. Da haben die Grünen noch nichts erreicht, wenn sie es denn wollten.
Richtung Norden fahre ich über die Kurische Nehrung, eine sehr schmale und über hundert Kilometer lange Halbinsel zwischen Kaliningrad und Klaipeda, welche jetzt unter dem Schutz des UNESCO-Weltnaturerbes steht. Einfach in der Natur mit dem Auto stehen geht gar nicht im Schutzgebiet. In einem Ferienobjekt lässt mich der Security durch und für ein paar Rubel direkt am Haff stehen.

Ganze Völkerwanderungen wollen z.B. den tanzenden Wald sehen. Alle stolpern über Holzstege mit Geländer, die den Wald vor ihnen schützen sollen.

Auf der Fahrt zur Grenze öffnet sich mal der Panoramablick auf das Haff, mal auf die stürmische Ostsee.

Unterbrochen wird das schmale Land nur durch die Grenze zwischen Russland und Litauen. Wieder sind es nur sehr wenige Fahrzeuge, die die Seite wechseln. Früher eine Grenze zwischen in einer Union verbundenen Bruderstaaten und nun zwischen sich feindlich gegenüberstehenden Ländern. Den Baltischen Staaten wurde der EU-Beitritt aus geostrategischen Gründen hinterhergeschmissen, den Russen würde er verwehrt werden. Die Ukrainer dagegen wollen in die EU, man lässt sie aber noch lange darauf warten. Entscheidend für den Westen ist erst mal nur, dass ihre Nato-Panzer bis kurz vor Wolgograd (ehemals Stalingrad) vorrücken, und sie derweil von der russischen Gefahr schwadronieren können.
Entsprechend verläuft die Grenzkontrolle: Die Russen machen Dienst nach Vorschrift besonders gründlich, im Schengener Raum werden EU-Bürger durchgewinkt. Dafür kostet der nochmalige Eintritt in das Naturschutzgebiet in Litauen gegenüber der in Russland das zig-fache. Die Natur berührt das nicht. Fuchs und Hase sagen sich hier nicht nur gute Nacht und werden geschützt, sondern wechseln auch ungehindert die Grenze.

Gleich hinter der Grenze mache ich in Litauen (Lithuania, LTU) Halt in Neringa. Ein netter kleiner Urlaubsort auf westlichem Niveau. Hier hat schon Thomas Mann sein Domizil aufgeschlagen. Der Campingplatz liegt im Kiefernwald nahe einer über 50 m hohen wandernden Sanddüne. Er ist nicht so überlaufen und fischgrätenartig angeordnet, wie sonst meist in Westeuropa. Hier bleibe ich ein paar Tage länger und würde auch immer wieder herkommen, in der Vorsaison. Ab Berlin bin ich der Sonne vorweggefahren und es wurde unangenehm kühl. Jetzt hat mich das Hochdruckgebiet mit seiner Wärme eingeholt und ich kann im kalten Wasser baden an dem herrlichen Ostseestrand, der auch nicht so überbelegt ist.

Auf dem Campingplatz stehen auch viele Westdeutsche mit ihren Wohnwagen. Für die ist hier das Ende ihrer Welt, auf der russischen Seite habe ich keinen gesehen. In das Reich des Bösen und zu Putin wollen sie nicht (lt. Stammtischgespräch am Biertisch). Im Jargon der Bildzeitung erwartet sie dort doch nur grauer, verrotteter Beton und Plattenbauten, igitt. Was zum Teil stimmt, aber eben wie meist in den Mainstream-Medien, nur die halbe Wahrheit ist. Ostdeutsche leiden weniger unter Russophobie, haben weniger Berührungsängste und machen sich ihr eigenes Bild von Land und Leuten.
Laut Rassenideologie der Faschisten waren Russen genauso wie Juden deklassierte Menschen und wurden entsprechend unmenschlich behandelt. Heute wird Russland mit Embargo belegt. Das hat beides miteinander nichts zu tun? Man kann zwar die Wut auf Muslime und Flüchtlinge zumindest in der Intensität nicht vergleichen mit dem Antisemitismus zur Zeit des Faschismus. Aber wieviel von diesem Rassenhass steckt noch heute in den Köpfen nicht nur der sog. Rechtsextremen im vereinigten Deutschland? Rechtspopulisten lenken die Verbitterung von Deklassierten auf Sündenböcke. Die Verbitterung der Verlierer kann aber auch zur Stärkung sozialstaatlicher Ideen führen, wie die Erfolge von Corbyn, Labour-Chef in England, oder von Sanders, Sozialist in den USA, zeigen, die von der marktreligiösen Vernebelung ablenken. Das starke Anwachsen der Deklassierten ist das Ergebnis von 30 Jahren neoliberaler Politik. Insofern hat auch die EU den Nationalismus gefördert, wenn auch ungewollt. Die Flüchtlingspolitik der Bundesrepublik und die Politik gegenüber Russland tun ihr Übriges. Sicher kommt noch einiges hinzu, wie das Verharren im Muster des Antikommunismus und des Kalten Krieges. Dass sich Moskau im Gebietspoker aller Seiten die Krim gesichert hat, ist die offizielle Begründung der Politik des Westens gegenüber Russland. Russland hatte zwar in Abstimmung mit den Krimrussen gehandelt, aber völkerrechtswidrig. Dass sich gerade der Westen darüber echauffiert ist angesichts seiner vielen Kriege (Afghanistan, Irak, Libyen usw.) jedoch nicht gerechtfertigt. In den USA wird täglich, noch stärker als in Deutschland, die antirussische Propaganda aufgefrischt. Kritik an der irrationalen Hass-Kampagne gegen Russland macht sich z.B. laut in einem 4-teiligen Film von Oliver Stone „The Putin Interviews“.

Nach einem letzten Strandbesuch auf er Kurischen Nehrung geht es mit der kostenlosen Fähre nach Klaipeda. Zwecks Ausbau der Handelsbeziehungen wurde vor der Implosion der sozialistischen Staaten eine Fährverbindung zwischen Saßnitz/Rügen und Klaipeda ausgebaut. Mit der Wende wurden diese Wirtschaftsbeziehungen fast völlig gekappt. Auch die Fährverbindung wurde 2013 stillgelegt, und fährt jetzt wohl ab Kiel.
Nördlich von Vilnius finde ich in Sudeikiu einen kleinen Campingplatz. Erst stehe ich allein, später landet dort noch ein fast 50-jährigen Fahrradfahrer aus Italien, bevor abends noch ein sehr finsteres Gewitter aufzieht. Der Radler hat beneidenswert gute Laune, trotz des sehr regnerischen Wetters.

Die Landschaft, die der mecklenburgischen Seenplatte sehr ähnelt, lädt eigentlich für einen längeren Aufenthalt ein. Schon seit Polen sieht man in jedem Dorf ein Storchennest.

Durch Lettland fahre ich nur durch. Ab hier beginnen längere Strecken, wie auch in Russland, die gerade ausgebaut werden. Hinter der Grenze nach Russland suche einen schon vorher ausgewählten Campingplatz. Das Problem: in Russland gibt es kaum Campingplätze. Und die vorher runtergeladene OSM- Russland-Karte für Basecamp ist unpräzise. Als Camping ausgewiesene Wegepunkte (Koordinaten) gibt es z.T. gar nicht. Erst spät finde ich daher ein Hotel an einem See, welches mir eine Bleibe im Auto auf dem Parkplatz mit toller Aussicht bietet. Auch ein Zimmer wäre preiswert gewesen, aber im Camper schlafe ich am besten.
Das Hotel bietet mir ein leeres Zimmer zum Duschen, wofür ich für einen kleinen Aufschlag zahle. Der Stellplatz kostet mich pro Nacht 100 Rubel (1 €=68 Rubel).
Wie schon in Afrika beobachte ich einen hohen Anteil an Dienstleistungskräften (Hotel, Küche, Bewachung usw.). Auch in Russland sichert es vielen ein Einkommen. Diesen Luxus kann und will sich Deutschland nicht leisten. Denn es ist Exportweltmeister (neben China) und lebt so auf Pump, bzw.  schmarotzt an der Wirtschaft der Staaten, die weniger Waren aus Deutschland einführen, als sie exportieren. Und Weltmeister ist Deutschland nur, weil es entsprechende Waren anbietet und deren Kosten reduziert. Insbesondere durch Verbilligung der Arbeitskraft, auf Teufel komm raus: Sinkende Lohnquote, Arbeitslosigkeit, Hartz 4, Erhöhung der relativen Armut usw.. Um die Euro-Zone zu einer Exportmaschine umzubauen, schließt die Währungsunion rund um die Welt im Eiltempo neue Freihandelsabkommen ab. Nicht nur Trump ist egoistisch, sondern vor allem die G20-Staaten sichern ihre Interessen, zuerst „natürlich“ jeder seine. Natürlich ist es nicht, sondern kapitalistisch. Da ist Russland nicht ausgenommen, nur eben anders.

Auch in Rzhev, eine Stadt an der Wolga, finde ich nicht den angeblichen Campingplatz. Dafür ein Platz mit Geschichte, der noch an Lenin und an den 2.Weltkrig erinnert. D.h. die Russen haben kein Problem mit ihrer Geschichte. Anders als in Ostdeutschland, wo allles, was mit der jüngeren Geschichte zu tun hat, durch die Bundesrepublik getilgt wird, soweit es nicht an finstere Seiten erinnert.
  Schon in der Nacht hat es nur geregnet. Größere, modernere Raststätten bieten für LKW-Fernfahrer Parkplätze mit Dusche und WC. Im Regen war ich froh, kurz vor Wolokolamsk überhaupt einen Stellplatz gefunden zu haben.  Moskau empfängt mich mit Starkregen. In Moskau gibt es einen Campingplatz. Den finde ich wegen der ungenauen Koordinaten aber auch nur im Schlepptau eines Russen mit niederländischer Autonummer, der mal in Deutschland gearbeitet hat, und mir freundlicherweise den Weg zeigt. Er ist ohne Familie wieder nach Moskau zurückgekehrt, weil nach Deutschland zu viele Ausländer gekommen sind, meint er. Hier betreibt er jetzt ein Campingwagen-Geschäft, kann aber in meinen Camper kein Fenster einbauen, weil er die auch erst in Deutschland bestellen müsste. Auf dem Campingplatz stehen einige Touristen, wie auch ein Radfahrer, der noch bis Irkutzk fahren will. Hut ab bei diesem Wetter. Ich hole mir ein 3-Tages-Ticket für alle Öffentlichen für 300 Rubel, also etwa 1,50 € pro Tag, inclusive Fahrrad. Dann noch eine Prepaid-Karte fürs Internet. Aber wegen meiner und der Unwissenheit der Dienstleister, sowie der Verständigungsschwierigkeiten kaufe ich eine Karte ohne Thethering, das Surfen im Internet über einen USB-Stick mit SIM-Karte ermöglichen soll. Den hier extra zu kaufen ist mir zu teuer, da einer zu hause liegt. Also bin ich weiter, wie immer, auf WIFI angewiesen.

Der Rote Platz ist ein Schmuckkästchen. Das Kaufhaus GUM grenzt daran an mit seinen bunten Blumenbeeten und Springbrunnen. Habe selten so ein tolles Center gesehen.

 

 

 

 

SAM_3593

Die nahe Christ-Erlöser-Kathedrale (ein orthodoxer Sakralbau) ist weiträumig abgesperrt. Sie ist weltweit die höchste orthodoxe Kirche.  Aus besonderem Anlass (irgendwelche besonders heiligen Gebeine können z.Z. angebetet werden) haben wohl nur Orthodoxe Zutritt. Diese kommen von überall her, und  stehen formiert und diszipliniert kilometerlang an, wie diese hier an der Moskwa, die nicht etwa auf den Dampfer warten. Warum mich der Einlass nur nach Gesichtskontrolle nicht durchgelassen hat, bleibt mir schleierhaft. Oder war es der Ausgang wo ich rein wollte? Na ja, nix versteeen.

 

Moskau hat in den vergangenen sieben Jahren einen rasanten Strukturwandel erlebt, der noch nicht abgeschlossen ist. Wie in allen westlichen Metropolen besteht die Gefahr, dass Geringverdiener in Außenbezirke verdrängt werden. Im Rahmen einer groß angelegten Sanierung will die Stadt über 50 Milliaden Euro ausgeben. Bei der „Renowazija“ sollen alte Wohnungen, die in den 50er Jahren zur Linderung der Wohnungsnot nach dem Krieg vielerorts in der Sowjetunion errichtet wurden (meist vierstöckige Häuser, sog. Chruschtschowkas) abgerissen werden. In diesem Zusammenhang sollen 1,6 Millionen der 11-Millionen-Einwohner-Metropole umgesiedelt werden. Gegen den Abriss ihrer Plattenbauwohnungen regt sich massenhafter Widerstand bei den Bewohnern, die Angst davor haben, in unaktraktive Wohngebiete ziehen zu müssen. Die Mehrheit ist für den Abriss, will aber Auskunft über die konkreten Bedingungen der Umsiedlung. Dabei gibt es ein 1991 noch vom damaligen Obersten Sowjet beschlossenes Gesetz zu berücksichtigen, wonach die meisten Bewohner der Chruschtschowkas, die in einer Wohnung gemeldet waren, sich gegen eine geringe Gebühr als Eigentümer registrieren lassen konnten. Ein Trostpflaster für das ehemalige Volk, welches zusehen musste, wie Zehntausende von sowjetischen Staatsbetrieben oft mit kriminellen Methoden an die neuen Eigner (an „Rote Direktoren“, an Komsomolsekretäre wie Choderkowski und an die „Neuen Russen“) überschrieben wurden. Die Wohnungseigentümer haben gegenüber Mietern natürlich heute die besseren Rechte und können Genossenschaften gründen und die Modernisierung des Hauses, in dem es seit Jahrzehnten keine Grundsanierung gegeben hat, selbst in die Hand nehmen. Allerdings bekommen sie von den Katasterämtern noch nicht ihre Grundstücksgrenzen benannt. Die Aufteilung der Grundstücke war zu sowjetischen Zeiten nicht erforderlich und wurde offensichtlich noch nicht nachgeholt. Rein rechtlich sind  Wohnungseigentümer auch Eigentümer des Grundstükes. Das hat die Stadtverwaltung bei ihrem Umsiedlungsprogramm wahrscheinlich nicht berücksichtigt.
Da tun sich Parralelen auf: Wohnungen in Plattenbauten wurden in der DDR zu Wendezeiten nicht wie in Moskau an Eigentümer übertragen. Die gingen an städtische Wohnungsbaugesellschaften und wurden z.T. nach Modernisierung zu hohen Preisen verkauft. Die noch DDR-Regierung hat es denen, die ihre Wohnhäuser auf Pachtgrundstücken gebaut haben, kurz vor der Abgabe ihrer Regierungsgeschäfte ermöglicht, die dazu gehörenden Grundstücke zu DDR-Preisen zu kaufen. Die z.B., die ihre „Datschen“ auf „volkseigenen“ Pachtland errichtet haben, „durften“ weit nach der Wende das mitunter zwischenzeitlich zu Bauland umgewidmete (aufgewertete) Grundstück zu BRD-Preisen von der Treuhand kaufen. D.h. die meisten Ostdeutschen gingen leer aus und mussten zusehen, wie das sog. „Volkseigentum“ an die Treuhand überging. Ach ja, da gab es ja noch das Begrüßungsgeld von 100 DM.

Die Innenstadt ist ein einziger Bauplatz, die Straßen hoffnungslos verstopft. Mit dem Fahrrad bin ich den innersten Ring abgefahren und musste teppauf, treppab durch Fußgängertunnel laufen, um dem Verkehr auszuweichen. Zu Fuß sind es Kilometer, bis man die Straßenseite wechseln kann. Wegen der Baustellen und der fehlenden Fahrradspuren muss ich zwischen die Füßgänger. Das Geschäft auf der anderen Straßenseite kann man kaum erkennen. Zu Stalins Zeiten wurde weiträumiger, monumentaler gebaut, als zu Zeiten des Zahren. Als Fahradfahrer, die es kaum gibt, ist man ein Fremdkörper, auf den Straßen und in der Metro. In die Stadt hinein konnte ich die Metro auch mit dem Fahrrad nutzen. Nach Feierabend strömten die Massen in die Außenstädte und ich hatte keinen Zugang mehr mit dem Fahrrad. Also besser zu Fuß, wer kann.

Hinter Moskau lege ich auf halber Streke noch einen Halt ein, auf einem 100 Rubel-Parkplatz mit Anschluss an ein Restaurant.

Kurz vor Sankt Petersburg sehe ich einen Unfall (Tanklaster mit abgeschnittener Fahrerkabine). Wenig Unfälle für die Fahrweise von Einigen, die ihr und das Leben Anderer riskieren, nur wegen ein paar Meter Vorsprung. Es gibt genug davon unter den Gewinnern (große, schwarze Karossen) und unter den Verlierern (alte, verrostete Ladas) der russischen Variante einer gesellschaftlichen Neuordnung, das zwischen Arm und Reich geteilt ist. Rasen ist hier noch ein Kavaliersdelikt, und noch nicht wie neuerdings in Deutschland und richtigerweise eine Straftat.

Sankt Petersburg (die Partnerstadt Hamburgs, das Venedig des Nordens, das Fenster Russlands zum Westen Europas) erobere ich mit dem Fahrrad, was Dank des relativ milden Straßenverkehrs und der nahen Lage des Camps möglich ist. Man sieht mehr Fahrräder als in Moskau. Die Stadt, in der Wasserflächen und Stadtarchitektur verschmelzen und in der auf morastigem Boden viel Historie glänzt. Unter Europas Metropolen ist dies mit 300 Jahren (2003) die Jüngste. Die Stadtstruktur wurde seit dem 17. Jahrhundert kaum verändert. Das unterscheidet das von Peter des Großen gegründeten Sankt Petersburg von der durch Stalins Gigantismus geprägten Hauptstadt Moskau, in die die russische Regierung 1914 zog. Nach der Oktoberrevolution wurde Sankt Petersburg in Petrograd umbenannt. Nach dem Tod Lenins hieß sie Leningrad und bekam nach dem Ende der Sowjetunion wieder ihren alten Namen. Gemäß Dekret des Zaren sollte in Sankt Petersburg jeder Neubau unter der Firsthöhe des Winterpalastes bleiben. Daran hielt sich auch die Sowjetunion und so wurde die klassizistische Stadtkontur in rötlichem Granit erhalten.

So wie im Warschauer Pakt nicht an die Hungerjahre im Bürgerkrieg (Weiße gegen Rote Armee) nach der Okoberrevolution, sowie an die GPU-, KGB- und Gulag-Schrecken und Stalin-Terror erinnert wurde, so erinnert heute im hundertsten Jahr wenig an die Oktoberrevolution, die das 20. Jahrhundert prägte. Erinnert wird jedoch an die etwa eine Million zivilen Opfer, sowie an die sowjetischen Soldaten, die in der Zeit der faschistischen Belagerung fielen oder verhungerten. Auf vielen Denkmählern für die Gefallenen im 2. Weltkrieg (russisch: Große Vaterländische Krieg) liegen frische Blumen. Leningrad erlebte während der Belagerung eine unermesslich, grauenvolle Hungerkatastrophe, die in der Weltgeschichte ihresgleichen sucht. Nach dem Durchbruch der Blockade erlebte die Stadt eine zweite Auferstehung. Mit der Marktwirtschaft kamen dann die Ganoven (Mafia, Olligarchen) und mit ihnen die Korruption, Gawalt, Reichtum und Armut. Wie im Westen, mit dem Unterschied, dass es dort kaum noch schlammige Wege und Straßen gibt, oder vergraute Betonblocks, oder Bretterbuden auf dem Markt, oder alte Matruschkas, die ihr bisschen Obst auf Holzkisten, oder auf Zeitungen anbieten (müssen). Diese Bild wird die Marktwirtschaft schneller beseitigen und ist im Touristen-Zentrum auch nicht mehr zu sehen.
Der Blindschuss vom Panzerkreuzer Aurora auf das Winterpalais des Zaren war das verabredete Zeichen für den Beginn der Oktoberrevolution 1917. Heute ist das Schiff ein Museum und schießt weder auf Samsung, noch verhindert es, dass Tauben auffliegen. Und Lenin weist nicht mehr den Weg, wurde aber auch nicht abgerissen.

Bis heute wird Lenin in Russland verehrt, Er schrieb Geschichte, schuf eine neue Form von Staat, die später in fast der halben Welt übernommen wurde. Allerdings soll er einem Posten im Mausoleum anvertraut haben: „Ich muss zurück in die Schweiz. Wir müssen noch einmal ganz von vorne anfangen“.
Gleich hinter der Moschee steht die Villa, in der Lenin ein Büro hatte. Heute ist sie ein Museum der politischen Geschichte Russlands, in der die sowjetische Geschichte umgeschrieben (angepasst) wurde.

Strand vor der Peter Paul- Festung, aus der das Wahrzeichen des schlanken Turms der Kathedrale herausragt, sowie die mit Schiffsschnäbeln geschmückten, ehemaligen Leuchttürme an der Newa.

Zu den ersten Sehenswürdigkeiten zählen das Winterpalais und die in kaisergelb ins Licht gestellte Eremitage, die als Museum zu den größten Kunstsammlungen der Welt zählt. Von innen habe ich es schon vor etwa 10 Jahren gesehen.

Der Schlossplatz mit Alexander-Säule und einer alten Matruschka, die wohl fotgrafiert werden wollte.

Straßenmusikszene rund um die Christi-Auferstehungskirche „Auf dem Blute“, die dort errichtet wurde, wo einer der ermordeten Zaren und sein Attentäter verblutete.

SAM_3634Edelkarosse „Wolga“ aus sowjetischen Zeiten und entspannter Tag im Park, endlich wieder in der Sonne. Und Weltstadt-Rhythmus am Newski-Prospekt.

Feinkosttempel im Jugendstildesign, Kaufhauspassage, Wandelgang am Großen Kaufhof.

 

Die St.-Isaak-Kathedrale, eine der größten Kuppelkirchen der Welt mit ihren riesigen Säulen.

 

 

 

 

 

Eine fotogene Schönheit in rot vor der Kathedrale der Mutter-gottes von Kasan und ein Geländerdetail an einer der vielen Brüken.

Und immer wieder die Newa: Am oberen Fluss, am Stadtzentrum und an der Mündung in die Ostsee, bzw. Finnischen Meerbusen, wo ein Wolkenkratzer entsteht.

 

Zuletzt noch ein Besuch im botanischen Garten, dann geht es weiter nach Finnland.

 

 

 

 

 

Durch Finnland fahre ich im Prinzip nur durch und halte nur in Lappeenranta, Jyväskylä und Vaasa. Am 24. Juni, der längste Tag des Jahres mit der kürzesten Nacht, muss man auf den Sonnenuntergang hier im Norden besonders lange warten. Auch jetzt noch und weit vor dem Nordkap.

 

 

 

 

Alte Autos verrosten nicht, sondern werden ausgestellt. Hier eine Sammlung auf einem kleinen Campingplatz.

In Vaasa nehme ich die Fähre nach Umea und setze nach Schweden über. Die Fähre fährt einmal pro Tag und ist so voll, wie ich es bisher nur von Sudan nach Saudi-Arabien erlebt habe.



Nach der letzten Zoom-Aufnahme fährt der Fotoapparat nicht wieder zurück. Den hatte ich schon aus dem gleichen Anlass in Jordanien gekauft. Reparatur nicht möglich.

In Finnland erhält übrigens das Thema Grundeinkommen neue Dynamik. In diesem Jahr erprobt die Regierung ein Grundeinkommen in einem Modellversuch mit 2000 Arbeitslosen. Auch die gerade gebildete Jamaika-Koalition in Schleswig- Holstein will ein Grundeinkommen prüfen. Dort geht es aber noch um wesentliche inhaltliche Definitionen, wie „bedingungsloses Grundeinkommen“ (Grüne) oder „liberales Bürgergeld“ (Lohnsubvention für Geringverdiener, keine Einkommenssicherung für Arbeitslose, FDP). Selbst im Silicon Valley wird das Grundeinkommen von Leuten wie Zuckerberg und Musk diskutiert. Aus linker Sicht würde ein Grundeinkommen die Stigmatisierung von Sozialleistungsbeziehern beenden, andererseits kapitalistische Besitzverhältnisse nur verfestigen. Letzteres erklärt, warum neuerdings selbst Konzernchefs die Idee fördern. Forscher erwarten, dass infolge der Digitalisierung bis 2025 rund 1,5 Millionen Jobs allein in Deutschland frei werden. Wenn vielleicht auch etwa so viele durch Digitalisierung geschaffen werden, so sind doch harte soziale Brüche vorprogrammiert. Das Grundeinkommen wird somit praktisch unausweichlich. Wenn nicht, dann liegt es  nicht am Geld, denn Deutschland ist vor allem ein reiches Land, in dem der Reichtum nur ungleich verteilt ist. Ein Feldversuch in Namibia (s. auch in diesem Blog: Afrikareise) musste genau aus diesen Kostengründen vorzeitig abgebrochen werden, obwohl er positive Wirkungen vermeldete. Grundeinkommen sollte nicht ausgerechnet in einem Land eingeführt werden, dass noch nicht über die wirtschaftlichen Voraussetzungen verfügt, um es zu finanzieren.

Schweden
Das Leben in Schweden, wie überhaupt in den skandinavischen Ländern, gilt als sehr lebenswert und ist daher ein beliebtes Auswanderungsland, mit einer leistungsstarken Sozialversicherung. Es hat weltweit das 8-höchste Einkommen pro Kopf, entsprechend hoch liegen jedoch auch die Lebenshaltungskosten. Das Land hat eine faszinierende, oft unberührte Natur. Frische Luft, unzählige Gewässer, viel Platz, auf den Campingplätzen kein fischgrätenartiges Gedränge, wie z.B. an der Adria, keine Staus und keine Hektik.
Da ich mir einen neuen Fotoapparat aus Berlin einfliegen lassen muss, ab hier nur noch ein paar Bilder aus dem stehenden Auto von den schönen Aussichten auf den Campingplätzen. In den kleinen, eher langweiligen Städten im Norden Skandinaviens gibt es auch nicht viele Sehenswürdigkeiten. Ein Halt lege ich ein in Umea, Örnsköldsvik, Hamösand, Stöde (ein kleiner Ort hinter Sundsvall mit überraschend gutem WiFi), sowie Östersund und Järpen, ein Camp am Wasserfall Ristafalled, kurz vor der Norwegischen Grenze. Alles Campingplätze am Wasser und mit Natur pur. Jeden Abend ein anderes Bild als Fernsehersatz. Am Wasserfall nur ein rauschendes, einschläferndes Bild.



Norwegen
Die Lebenshaltungskosten liegen in Norwegen im europäischen Vergleich an der Spitze, mit fast 60% über dem Durchschnitt, noch über der Schweiz. Finnland und Schweden liegen dagegen mit etwa 25% fast noch im moderaten Bereich, obwohl aus deutscher Sicht immer noch um ein Viertel teurer.

Am 22. Juli dieses Jahres erinnerten Gedenkveranstaltungen an den schlimmsten Terror im Lande seit der NS-Besatzungszeit. Vor 6 Jahren ermordete der Rechtsradikale Anders Breivik 69 Menschen, die meisten davon Jugendliche, beim Sommercamp der sozialdemokratischen Nachwuchsorganisation auf der Insel Utoya, nordwestlich vor Oslo. Kurz zuvor hatte er mit einer Bombe im Osloer Regierungsviertel acht Menschen getötet. Sein Motiv: Die Arbeiterpartei für ihre Bereitschaft zu bestrafen, Menschen aus muslimischen Ländern aufzunehmen. Es gibt zwei Fraktionen von Überlebenden: Die, die mit der Politik völlig brachen und sich wegen Angstzuständen nicht aus ihren Wohnungen trauen, und andere, die sich noch mehr politisch engagieren und z.B. für einen Parlamentssitz kandidieren. Während sich Breivik über seine vermeintlich unmenschliche Isolationshaft beschwert, wird in der konservativen Regierung noch über das Denkmal „Wunde der Erinnerung“ gestritten. Wen wundert es: Die bürgerliche Regierung koaliert mit der rechtsnationalistischen „Fortschritts“-Partei, in der Breivik Mitglied war.

Mich begeistert Norwegen mehr wegen seiner faszinierenden Natur. Davon gibt es hier im Überfluss. Campingplätze an den schönsten Plätzen finden sich mehr als genug, und diese sind auch nicht überbelegt.
Ich übernachte im Storsand Camp kurz vor Trondheim. Die Stadt besichtige ich per Fahrrad. Weiter geht es in kurzen Etappen über Store, Dombas, Lom, und Skjolden.
Unterwegs ist wenig Verkehr. Es regnet viel, ab und zu scheint auch mal die Sonne. Es ist meist kalt und in 1.400 m Höhe liegt Schnee und es wird es richtig kalt.

 

Lom und Skjolden verbindet die Landschaftsroute Sognefjellet, eine der faszinierendsten Passstraßen (Passhöhe 1.434 NN) Nordeuropas. In Skjolden endet (d.h. für mich beginnt) auch der Sognefjord (UNESCO Weltnaturerbe), mit 204 km Norwegens längster und spektakulärster Fjord. An den bis 1.700 m hohen Berghängen sind unzählige Wasserfälle zu beobachten, die sich in türkisfarbenen Wasser spiegeln, das aus bläulichen Gletschern gespeist wird.

 

 

Von Sognedal geht es erst mit der Fähre über den Fjord und anschließend durch den mit 45 km längsten Tunnel der Welt direkt nach Aurland. Vom Camp schlängeln sich die Serpentinen durch 6 Nadelkurven 650 m hoch zum Stegastein. Wenn die Regenwolken nicht gerade alles vernebeln, kann man von einer Plattform eine traumhafte Aussicht über den Fjord genießen.

  

 

 

 

 


Bergen

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Steindals-Fossen

Inselspringen Kvandal – Utne

Hardangerfjord

 

Wasserfall (Fossen)

Hardangerfjord

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Inselspringen Jondal – Torvikbygd

Hardangerfjorden

 

Fusa Camp

20170811_174659

 

Camp Lote

 

 

Von Bergen geht es am Steindalsfossen (Wasserfall) vorbei um den Hardangersfjorden über Haugesund in Richtung Stavanger. Wie beim Inselspringen sind dabei 4 Fährüberfahrten erforderlich:  Kvandal – Utne, Jondal – Torvikbygd, Venjaneset – Hatvik, Halhjem – Sandvikvak und Arsvägen – Mortavika.  Die Route haben wir gewählt, weil ich eine Fährkarte einer Fährgesellschaft von einem Paar erstanden hatte, die auf dem Camp in Sankt Petersburg standen. Sie waren auf dem Rückweg aus Norwegen froh, dass sie den „Rest“ los waren, wir waren froh nur die Hälfte des Fährpreises zahlen zu müssen. Um den Preikestolen zu sehen, nutzen wir noch 2 mal die Fähre: Stavanger – Tau und Oanes  – Lauvvik.
Der Preikstolen ist in der Fjordregion Ryflike die berühmteste Sehenswürdigkeit, vielleicht sogar ganz Norwegens: Ein Fels, der wie eine Kanzel 600 m über den hellgrün schimmernden Lysefjord ragt. Hochmotiviert erklimmen wir den 4 km langen, steilen und felsigen Aufstieg mit einem Höhenunterschied von 350 m, der nicht nur für uns eine kleine Herausforderung darstellt. Gut dass wir uns schon früh um 6 auf dem Weg machen, auf dem uns schon die Ersten auf ihrem Rückweg entgegen kommen, die noch Fotos von unberührter Natur machen konnten. Aber auf unserem Rückweg kommen uns die massen an Langschläfer entgegen. Da war es aus mit der unberührten Natur. Der für Westeuropa typische  Massentourismus setzte auf dem Camp schon am Vorabend ein, so dass man Angst haben musste, nicht wieder raus zu kommen aus dem Getümmel. Trotzdem, der Blick über den Fford bleibt ein unvergessliches Erlebnis.

Auf dem Rückweg lässt es das Wetter noch einmal zu, ins kalte Wasser der Nordsee zu springen. In Richtung Dänemark nutzen wir die Fähre Langesund – Hirtshals. Zur Diskusion stand auch der Landweg über  Schweden, um dort die kleine Fähre ab Helsingborg zu nehmen. Die Variante mit der Fähre ab Kristiansand wäre die Teuerste gewesen.

Dänemark

In Hirtshals sind einige der 7500 Bunker am Atlantikwall in Dänemark zu besichtigen, die die faschistische Wehrmacht während der Besatzung im 2.Weltkrieg ab 1942 baute. Im doppelten Sinne umsonst, denn erst bezahlten die Faschisten die Rechnungen mit Scheinen, die die dänische Nationalbank drucken musste und dann landeten die Alliierten am 6.6.44 in der Normandie. Gemessen an den Kosten (umgerechnet 12 Grosse-Belt-Brücken), stellen die Bunkeranlagen das grösste Bauwerk Dänemarks dar.
Nahe des Leuchtturmes, der 1863 errichtet wurde, steht ein Riesenschirmling, den ich besser allein zum Abendbrot verspeise. Bei Hanstholm erheben sich die in der letzten Eiszeit geformten Sandberge Bulbjerg und Hanklit über dem Skagerrak- und Limfjord-Strand. Auf der Halbinsel bei Ringkobing kann man den Strand vom Campingwagen aus genießen (baden, Kaffee kochen usw.). Je näher man nach Deutschland kommt, z.B. auf der Insel Romo, setzt dann auf den Campingplätzen leider wieder der Massentourismus ein.

Der Text wird ggf. ständig aktualisiert.

Werbeanzeigen
Kategorien: Europa, Reiseberichte | 2 Kommentare

Zynische Beileidskultur

Terror soll Angst und Schrecken verbreiten und fordert immer wieder beklagenswerte Opfer von Gewalt. Die Opfer von sinnloser, terroristischer Gewalt verdienen unseren Respekt und unser Beileid. Bliebe unsere Solidarität aus, hätten Terroristen ihr Ziel erreicht, die Bevölkerung einzuschüchtern oder eine Regierung zu nötigen. Nach den Anschlägen am 11. September 2001 hat die USA dem Terror den Krieg erklärt, in dem wir uns immer noch befinden. Die Spirale der Gewalt durch Terror und Krieg scheint kein Ende zu nehmen. Terror richtet sich vor allem gegen die Industrieländer und macht auch vor Europa kein Halt. Wenn jedoch wie in diesen Tagen politische Unterschiede gemacht werden bei der Trauer um terroristische Opfer, ist das mehr als beschämend. Es ist zynisch, wenn russische Opfer in Petersburg nicht genauso beklagt werden, wie deutsche oder französische. Die Tränen um Opfer in Paris oder Berlin verkommen so zu Krokodilstränen.
In Syrien herrscht seit 2011 ein schrecklich verheerender Krieg mit unzähligen zivilen Opfern. Auch hier gibt es einen direkten Zusammenhang mit den Anschlägen am 11. September 2001. Es ist schon lange kein syrischer Bürgerkrieg mehr, sondern ein Stellvertreterkrieg, der auf dem Rücken der Bevölkerung ausgetragen, und auch vom Westen befeuert wird. Terroristen heizen diesen Krieg erbarmungslos an, um ihren Islamistischen Staat zu errichten. Russland hat erst spät eingegriffen, um den IS militärisch zu bekämpfen, auf Bitten der syrischen Regierung. Beim Kampf der Koalition Syrien/Russland gegen den IS um Aleppo war in der Mainstreampresse kein Wort davon zu lesen, dass die syrische Opposition, genauso wie der IS, die Zivilbevölkerung als Schutzschild missbraucht. Es ging nur gegen den „Diktator Assad“ und gegen Russland, wenn zivile Opfer zu beklagen waren. Beim Kampf der Koalition Irak/USA um Mossul ist die Kriegspropaganda genau umgekehrt ausgerichtet (s. auch Video von Todenhöfer „Stoppt die Befreiungskriege im mittleren Osten“). Und auch um Mossul wieder zynische Beileidskultur. Die Presse, die das so verbreitet, nenne ich Lügenpresse. Schlimm nur, dass dieses Wort in Deutschland von den falschen, rechten Leuten in Pegida und AfD, für ihre konservative Propaganda missbraucht wird.

Kategorien: Europa Themen, Politischer Reiseblog | Schlagwörter: , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Alte Schachtel und Extremsportler um die Welt

Wen interessiert es, wenn eine „alte Schachtel in einem alten Auto« um die Welt fährt“, fragte sich Heidi Hetzer selbstironisch und lächelte Hudo an, der streng nach Benzin roch. Sehr viele, wenn es nach den Klicks auf ihrem Blog geht. Hudo ist übrigens ein Oldtimer mit Holzspeichen-Felgen und Trockenkupplung mit unsynchronisiertem Drei-Gang-Getriebe, sowie 17 Liter auf 100 Kilometer. Mit ihm ist sie ab 6/2014 in 30 Monaten um die Welt gefahren! Unglaublich aber wahr. Als ich die Geschichten um ihren Beifahrer hörte, den sie nur kurz nach dem Start verschlissen hatte, dachte ich noch, dass sie es mit ihren Ansprüchen nicht schafft. Aber sie feiert ihren 80 Geburtstag nach 84.000 km wieder wohlbehalten zu Hause. Hut ab. Für mich Ansporn, meine Weltreise auch mit 70 und nach geglückter Herzoperation doch noch zu vollenden. Heidi war langjährige Berliner Autohändlerin mit Promistatus und gelernte Automechanikerin dazu. Deshalb musste und konnte ihr Gefährt ein Oldtimer sein, wie in einem alten Hollywood-Film. Wenn sie meint, sie sei bescheidener, ruhiger und nachdenklicher geworden, und dass man wenig braucht (für so eine Reise?), kann ich das nachvollziehen. Auch sie war von Clärenore Stinnes (1901-1990) beeindruckt, die 1927 zwei Jahre mit einem Oldtimer, der noch kein Oldtimer war, die Welt umrundete. Mit ihrem Ruhestand und nach dem Verkauf ihrer Firma hatte Heidi mit ihren Kindern geklärt, dass sie ihr „Erbe einfach verballere“. Die Kinder hatten dafür offensichtlich Verständnis, denn die Familie war auf ihrer Reise das Allerwichtigste. Der Sinn der Weltreise ist ihr etwas vernebelt, und manchmal hätte sie sich einfach jemanden gewünscht, mit dem sie die schönen Momente teilen kann. Wenn mich mal jemand fragt, was der höhere Sinn so einer Weltreise sei, dem sage ich, dass er auch darin besteht, den höheren Sinn mal für eine kurze Zeit zu vergessen und ihm dabei ein Stück näher zu kommen.

Eine Weltreise kann auch als Therapie dienen, um aus einer Depression oder einer schwierigen Lebenssituation herauszukommen. So ging es Robby Clemens, der ab April 2017 vom Nordpol zum Südpol laufen will. 1986 machte er sich nach der Wende als Gas-Wasser- Installateur selbstständig. Das Geschäft lief gut. Er hatte mehr als 100 Mitarbeiter und volle Auftragsbücher. Dann kam die Wende und mit ihr der Baulöwe Schneider. Dessen Pleite zog auch Robby mit seinen Betrieb mit in den Abgrund. Er verlor viel Geld, auch das seiner Eltern, die mit ihrem gesamten Vermögen für ihn gebürgt hatten. Damit konnte er nicht leben, und begann zu trinken und zu rauchen und fühlte sich als körperliches und geistiges Wrack. Sein Arzt meinte, eine sofortige Entziehungskur sei seine einzige Überlebenschance. Der Erfolg einer Entziehungskur erschien ihm zu vage, stattdessen kaufte er sich Laufschuhe und rannte einfach los. So wie Forrest Gump, der konnte auch nie erklären, warum er unentwegt rennt. Er hatte einfach Spaß daran. Nach 2 Jahren lief Robby Marathon. Er lief immer weiter, um seine Grenzen auch als Extremsportler auszuloten, nach dem Spruch: „Trenne dich nie von deinen Illusionen oder Träumen. Denn wenn sie verschwunden sind, wirst du weiter existieren, aber aufgehört haben, zu leben“. 2007 lief er ein Jahr lang fast 14.000 Kilometer durch 27 Länder auf vier Kontinenten und schrieb viel später ein Buch darüber: „Ich lauf dann mal los, zu Fuß um die Welt“. Doch statt glücklich und zufrieden zu sein, fiel er danach in ein tiefes Loch. Nach einem Jahr Laufen voller interessanter Begegnungen hatte er das Ankommen nicht verkraftet und verfiel in Depressionen. Auch das kann ich sehr gut nachvollziehen. Seine Familie und Psychologen rieten ihm, sich ein neues Ziel zu setzen. Toll, wenn Familien das auch mittragen, denn 2 Jahre Trennung ist nicht unbedingt familienfreundlich. Er jedenfalls fühlt sich wieder fit für neue Herausforderungen: Zu Fuß vom Nord- zum Südpol. Vielleicht kreuzen sich ja unsere Wege in Amerika? Wir hätten uns Einiges zu erzählen.

Kategorien: Vorbereitung | Hinterlasse einen Kommentar

Politischer Reiseblog

Politische Reiseberichte
Auch der indische Schriftsteller Pankaj Mishra verbindet in seinem Buch „Begegnungen mit China und seinen Nachbarn“ Reiseberichte mit politischer Analyse. Viele Asiaten kennen die Klassiker westlicher Literatur, Musik und Film. Andersherum kann man dies nicht behaupten, meint er. Nichts provinzialisiert und beschränkt den menschlichen Geist mehr als Macht. Wer z.B. aus ökonomischer Macht Überlegenheit über andere Völker ableitet, unternimmt kaum Anstrengungen, geografisch entlegene Gesellschaften und Kulturen zu verstehen. Die Massenmedien beschreiben z.B. Asien vor allem aus der Sicht wirtschaftlicher Chancen und Entwicklungen. Sie sehen die Länder als ökonomische Absatzmärkte. Politische, historische und kulturelle Hintergründe werden vielfach ausgeblendet. Daher bleiben viele Menschen im Westen nicht selten in ihren national-rassistischen und religiösen Vorurteilen verhaftet. Die Begriffe West und Ost beschreiben ideologische Gegensätze aus dem Kalten Krieg. Die Werte, die die Welt nach wie vor regieren, sind zuallererst kapitalistische Werte. Durch Enthüllungen über zerstörerische Kriegsführung, Folter und illegale Abhörmethoden haben die Werte westlicher Demokratien erheblich an Glaubwürdigkeit verloren. Wer eigene Probleme hat, sollte sich zuerst um diese kümmern, bevor er andere auf Missstände, wie z.B. Menschenrechts- oder Völkerrechts-Verletzungen, hinweist.

Afrika
ab 6/2012
Die nach der „Wende“ gewonnene Reise- und Meinungsfreiheit nutze ich um meinen Horizont zu erweitern. Die Hoffnung jedoch, dass sich der Ruf „Wir sind das Volk“ durchsetzt und dass das „deutsche Volke in freier Entscheidung eine Verfassung“ beschließt, und dass nach dem Ende des Kalten Krieges eine Weltordnung entsteht, in der die Stärke des Rechts das Recht des Stärkeren ablöst, hat sich nicht erfüllt. Die Welt verändert sich ständig und im Moment sehr schnell. Die bestehenden Verhältnisse werden im Mainstream (Fernsehen, Zeitung Radio usw.) alternativlos dargestellt, sind es aber nicht und geben viel Raum zur Interpretation. Je mehr der Mainstream der herrschenden Eliten von meinen Erfahrungen und Erkenntnisstand abweicht, desto mehr verarbeite ich in diesem Blog politische Informationen, die meiner Weltanschauung entsprechen. Die empirisch gesammelten Daten und Informationen versuche ich gegenüber zu stellen. Insbesondere wenn offensichtlich ist, dass politische Ereignisse im Mainstream mit zweierlei Maß wiedergegeben werden.
Ein weltoffener Mensch ist neugierig auf andere Länder und Kulturen und bereit, von diesen zu lernen. Globalisierung läuft dem Zuwider, weil sie an die Stelle der Vielfalt der Kulturen einen für alle verbindlichen globalen Trend setzt.
„Die gefährlichste Weltanschauung ist die derjenigen, die die Welt nicht angeschaut haben.“ Alexander von Humboldt

Seine Weltsicht Zwischen Asien- und Afrika-Reise
Auch zwischen den Reisen (s. Blog https://asien.blogger.de/ und https://afrikatrip.wordpress.com/) werde ich unter dem Thema: „Seine Weltsicht“ meine persönliche Meinung zur aktuellen Weltpolitik festhalten. Es ist auch eine Sicht auf das Land in dem wir leben. Mitteilenswert halte ich Vorgänge, die von den herrschenden Medien unterbelichtet werden. Ich versuche mich nicht dem herrschenden Zeitgeist anzupassen, der wider besseres Wissen historische Ereignisse ausblendet, der die Wahrheit eigenen Interessen opfert und der mit zweierlei Maß misst.

Asien bis 4/2012
Unter dem Motto wider der Voreingenommenheit (und davon gibt es ja viele, nicht nur in Deutschland) werde ich während der Asienreise und auch danach meine persönlichen Einsichten festhalten, die sich nicht um Parteinahme drücken. Viel Unbewusstes muss erst wieder ins Bewusstsein gehoben, weiße Landkarten von mir erst beschrieben werden. So entsteht auch eine politische Reiseroute, entlang der Länder, die wir besuchen, aber auch eine Sicht von außen auf das Land in dem wir leben.

Kategorien: Vorbereitung | Schlagwörter: | Hinterlasse einen Kommentar

Trump gegen die herrschende US-Elite?

In den letzten Wochen musste zuerst der  Nationale Sicherheitsberater und dann der US-Justizminister zurücktreten. Jeweils nachdem die US-Geheimdienste ihre Erkenntnisse zu den Russland-Kontakten der wichtigen Tramp-Vertrauten veröffentlichten. In den USA ist „Kommunikation mit den Russen“ im Wahlkampf gesetzwidrig. Die alten Eliten in den USA haben offensichtlich Interesse daran, den kalten Krieg wieder anzuheizen, weil Russland angeblich eine Gefahr darstellt. Im kalten Krieg wurde die Angst vor dem Kommunismus und der Sowjetunion geschürt. In dieser Tradition verhaftet, lebt der Westen weiter in ideologischen Schranken. Auch viele deutsche Medien haben in den letzten Jahren und in einer befremdlich breiten Übereinkunft ein grotesk verzerrtes Russlandbild installiert. Sie haben dadurch die Position des Beobachters verlassen und sich gemeinsam mit Politikern in den Schützengraben eines von der NATO vom Zaun gebrochenen neuen Kalten Kriegs begeben. D.h. sie sind befangen. Russland hat vielleicht gravierende innenpolitische Defizite, ist aber keine Diktatur. Und die allseits grell an die Wand gemalte militärische Gefahr geht wohl eher nicht von Russland aus. Berücksichtigt man z.B. die Militärausgaben und den Aktionismus der Nato an den Grenzen Russlands und in der ganzen Welt, stellt sich das ganz anders dar.
Trump hat zur Konfrontation gegen Russland aus der der Sicht eines Nationalisten und Milliardärs, der seinen Reichtum in der Wirtschaft erzielt hat, eine andere Meinung, als die, die wir bisher kennen. Offensichtlich ist er an einer Normalisierung der Beziehungen zu Russland interessiert und stößt damit an die Grenzen, die die alte Elite und das bisherige Establishment mitträgt. Nach der US-Wahl ist ein Machtkampf nicht nur um die Frage der Konfrontation mit Russland entbrannt. Dabei agiert Trump gegen die alte Elite, gegen das alte Establishment in den USA. Er ist zwar Präsident, aber im Moment stellt sich die Frage, wer eigentlich die Macht hat. Die US-Geheimdienste stehen hinter der alten Elite, das alte Establishment kämpft weiter gegen das neue, und umgekehrt. Ein unberechenbarer Präsident in einer unberechenbaren USA, die meint ihre Atombomben seien in ihrer Demokratie besser aufgehoben als die in Nordkorea!?
In diesem Zusammenhang sind die Hintergründe zu den geschassten Trump-Vertrauten interessant.
Zuerst musste Michael T. Flynn als Nationaler Sicherheitsberater der USA wegen seiner Russland Kontakte gehen. Im Februar 2017 ist der Dreisterne-General und Ex-Geheimdienstchef nach nur 24 Tagen im Amt zurückgetreten (worden). Der Vorwurf: Flynn hatte noch vor Amtsantritt telefonisch seine Kontakt mit dem russischen Botschafter aufgenommen und dann öffentlich über den Gesprächsinhalt gelogen. Bewiesen werden konnte ihm das, weil ihn ein US-Geheimdienst abgehört hatte. Wenn eigene Spione die eigenen Politiker abhören und dieses Material dann auch noch an befreundete Zeitungen liefern, ist das kein Whistleblowing. Mit unlauteren Motiven werden so missliebige Politiker aus dem Amt geschasst. In den USA reichen Kontakte zu Russland um geschasst zu werden, wie in Deutschland Kontakte zur „Stasi“. Flynn war Kommandeur mehrerer zentraler Armee-Einheiten und Direktor der Defense Intelligence Agency (DIA), dem Geheimdienst der US-Armee, den er von 2012 bis zu seinem Rausschmiss 2014 leitete. Der US-Militarist galt seit 2014 als der meist respektierte militärische Geheimdienst- Offizier seiner Generation, aber auch als Pazifist. Als Insider war er einer der ersten schwer angreifbaren Stimmen, die die westliche Deutung des islamistischen Söldner- oder Stellvertreter-Krieges gegen Syrien massiv erschütterten. Laut Flynn war diese Kritik auch der Grund für sein Ende bei der DIA. 2015 hatte er die Veröffentlichung eines Dokuments aus dem Geheimdienst DIA erstritten, in dem schon 2012 die Entstehung des IS-Kalifats prophezeit wurde. Das Dokument stellt bereits zu Beginn des Syrien-Kriegs klar, dass „die Salafisten, die Muslimbruderschaft und Al Qaida die dominierenden Kräfte des syrischen Aufstands“ sind. Zu einer Zeit als im westlichen Medienstream noch zelebriert wurde, dass „Assad auf seine Leute schießt“. Was einerseits stimmt, aber die eigentlichen Verhältnisse verschleiert. In dem Dokument wurde weiter festgestellt, dass „der Westen, die Golfstaaten und die Türkei die syrische Opposition“ unterstützen. Flynn warnte vor der Entstehung eines salafistischen Herrschaftsgebietes in Ost-Syrien, die das Ziel hat, „das syrische Regime zu isolieren“. Ungeachtet dessen hat die Obama- Administration aus politischen Gründen jedoch nicht die Lieferungen von Waffen und Kämpfern an Al Qaida gestoppt. Nach dem Motto: zuerst muss Assad ausgeschaltet werden. Flynn meint, „die Geschichte wird hart mit jenen ins Gericht gehen, die 2003 die Entscheidung trafen, in Irak einzumarschieren.“ Einerseits positioniert er sich gegen den Iran, verteidigt Folter und bezeichnet den Islam als „politische Ideologie“, andererseits lehnt er öffentlich den Krieg mit Drohnen ab. Folgerichtig engagierte er sich im Wahlkampf offen für Donald Trump und war wohl einer der rationaleren Charaktere im Trump-Kabinett. Sein Absturz ist demnach ein Sieg für die hinter dem Geheimdienst stehende Machtgruppe. Es ist ein Sieg gegen Trump, gegen eine Entspannung mit Russland und gegen die politische Moral.
Dann wurden schwere Vorwürfe gegen den US-Justizminister Sessions erhoben: Russland-Kontakte und unter Eid gelogen. In der Affäre um ihre Russland-Beziehungen steht die Regierung von US-Präsident Donald Trump erneut unter massivem Druck. Sessions hatte im Vorjahr als Senator und Trumps außenpolitischer Berater im Wahlkampf, zweimal Kontakt mit Russlands Botschafter Sergej Kisljak. In Personalunion ist der Justizminister zugleich eine Art Generalbundesanwalt, und kann als solcher wegen Befangenheit nicht gegen sich selbst ermitteln. Laut Erkenntnissen der US-Geheimdienste sei Moskau dafür verantwortlich, dass mitten im Wahlkampf Computer der Demokratischen Partei gehackt wurden, was Trump Munition gegen Clinton geliefert haben soll. Daraus wurde der Vorwurf abgeleitet, Russland hätte sich in den amerikanischen Wahlkampf eigemischt, was Moskau entschieden zurückweist. Noch auf Betreiben Obamas hat das FBI Ermittlungen zur mutmaßlichen russischen Einmischung eingeleitet. Beweise liegen bis heute nicht vor. Offensichtlich gab es noch weitere Treffen zwischen Trump-Vertrauten und Moskaus Botschafter. Da man einem Botschafter diplomatische Gespräche, mit dem Ziel Spannungen abzubauen, nicht verbieten kann, wurde Russland ein Hackerangriff offensichtlich untergeschoben.

Kategorien: Europa Themen | Schlagwörter: , , | Hinterlasse einen Kommentar

Kundschafter des Friedens

Die Komödie „Kundschafter des Friedens“ ist dieser Tage im Kino erschienen. Ein „sehenswertes Leuchtfeuer“ (so Christian Baron im ND) im ansonsten ziemlich tristen Filmkomödien-Deutschland, mit der Schauspieler- Starriege Hübchen, Gwisdek, Glatzeder und Thieme als abgehalfterte Ex-DDR-Auslandsgeheimdienstler. Diese sollen im Auftrag des BND und unter Aufsicht einer BND-Agentin die Kastanien aus dem Feuer holen. Einige BND-Praktiken hatte das MfS schon viel früher drauf. Zwar nur analog, aber wirksam. Außerdem kennen sich die Kundschafter in der ehemaligen Sowjetrepublik „Katschekistan“ viel besser aus, als die Agenten. Na ja, eben Film mit Gags aus bekannten Ganovenfilmen, aber gut gemacht. Dürfen wir darüber lachen? Erst werden Berufsopportunisten wie Angela Merkel und Joachim Gauck einheitstrunken zu Symbolen einer Ost-West-Versöhnung hochgespielt. Und jetzt auch noch ein Leinwandstück als ideologische Lockerungsübung, in der die Stasi mit positiven DDR-Typen auf gleicher Augenhöhe mit dem BND gezeichnet wird? „Offenbar scheint mittlerweile genug Zeit ins Land gezogen zu sein, um sich dem Stasi-Thema von der humoristischen Seite zu nähern“, meinte eine Berliner Mainstream- Zeitung.
Als der Film in die Kinos kam, lief zufällig die Kampagne gegen Holm. Die zeigt, dass dieses Land noch lange nicht so weit ist, um dieses Thema von ideologiefreien Historikern aufarbeiten zu lassen. Stattdessen versorgen Antikommunisten vom alten Schlage, die sich Historiker nennen dürfen, die Maintrampresse widerrechtlich mit Informationen aus der Stasi-Unterlagen-Behörde, um einen linken Wissenschaftler wie Holm auszuschalten. Holm wurde von der Linken in die Berliner Regierung als Staatssekretär berufen, um dort linke Wohnungspolitik zu machen. Angeblich weil er das falsche Kreuz im Fragebogen gemacht hatte, wurde er ausgeschaltet. Von der Regierung und seinem Arbeitgeber geschasst. Dafür reichte nur das Wort Stasi, um findige Moralisten die Macht zu geben, daraus ein Vergehen zu konstruieren. Es wird Zeit diese angestaubte Logik zu durchbrechen.

 

Kategorien: Europa Themen, Politischer Reiseblog | Schlagwörter: , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Konserviertes Nazirecht und Stasikeule

Die Bundesrepublik macht einen großen Unterschied beim Umgang mit ihrer faschistischen Vergangenheit und dem Unrecht in der DDR. Ihre eigene Geschichte hat sie bis heute nicht aufgearbeitet. Umso konsequenter ist sie bei der Verurteilung der DDR. Entnazifizierung wurde in der DDR im Gegensatz zur BRD konsequent betrieben. Die antifaschistische Politik wurde von der bundesdeutschen Elite stattdessen immer als „verordneter“ Antifaschismus verunglimpft.
Jahrzehntelang wurde in der Bundesrepublik Schuld und Verantwortung im sog. „Nationalsozialismus“ ignoriert. Neuerdings überbieten sich Ministerien, Landtage und selbst Institutionen wie der BND geradezu mit Forschungen, die der eigenen Geschichte in der Nazizeit nachgehen. Die DDR hatte in ihrem Braunbuch schon Ende der 50er Jahre die Übernahme von hochrangigen Nazis in den Justizdienst der westdeutschen Behörden nachgewiesen. Tatsächlich lag die Gesamtzahl der „belasteten“ Richter noch weitaus höher, wie jetzt eine Studie z.B. in der nordrhein-westfälischen Sozialgerichtsbarkeit belegt. Auch der erste Präsident des Landessozialgerichts, Erich Roehrbein, wies eine belastete Vergangenheit auf. Als „belastet“ galten Richter, die „an NS-Unrecht in Justiz, Staat und Parteiorganisationen mitgewirkt haben, insbesondere an Handlungen, die Völkermord, Verfolgung politischer Gegner, Freiheitsentzug und schwere Repressionen gegen die ausländische Zivilbevölkerung umfassten“.
Der faschistische Verbrecherstaat hat politischen Gegnern, insbesondere Kommunisten, sowie emigrierten oder deportierten Juden die Renten gestrichen. Ganze Gruppen von Verfolgten wurden aus der Gesundheitsversorgung ausgeschlossen. In der Bundesrepublik wurde keinem Nazi die Rente gestrichen oder gekürzt. Dabei unterscheidet die BRD zwischen Nazis und Nazi-Verbrecher. Bei der Bewertung von DDR-Unrecht werden dagegen aus politischen Gründen ohne Unterschied ganze Gruppen einer Sippenhaft unterzogen, unabhängig von Schuld und mit Strafrente belegt. Selbst Mitglieder der ehemaligen Waffen-SS haben Anspruch auf eine ungekürzte Rente. Das ist ständige Rechtsprechung des Bundessozialgerichts (BSG). Viele der Nazi-Verbrecher gingen straffrei aus. Sie oder deren Angehörige beziehen sogar Kriegsopferrente! Nach dem Krieg wurden so Milliarden aus Steuermitteln an Naziverbrecher gezahlt. Die Tradition des Rechtsstaates der BRD steht für Kontinuität der faschistischen Gesinnung im bundesdeutschen Rechtssystem. Die spannende und unbeantwortete Frage ist, inwieweit diese Gesinnung noch heute Auswirkung auf die Rechtsprechung hat.
Lettischen Angehörigen der Waffen-SS hat das BSG grundsätzlich Anspruch auf eine Kriegsopferrente zugebilligt. Deserteuren dagegen wurden Ansprüche lange verwehrt, weil sie als „Wehrkraftzersetzer“ diffamiert wurden. Der 1956 mit dem KPD-Verbot erfolgte Ausschluss von Kommunisten aus dem Bundesentschädigungsgesetz ist bis heute nicht aufgehoben.
Selbst die Witwe von Reinhard Heydrich, dem Planer des Holocaust, erhielt Opferrente in der BRD. Die Witwe von Roland Freisler, dem Präsidenten vom NS-Volksgerichtshof hatte neben ihrer Witwenpension nach dem Bundesversorgungsgesetz auch noch eine ordentliche Zusatzversorgung als „Schadensausgleichsrente“ bezogen. Der Nazirichter Freisler hatte zeitweise zehn Todesurteile pro Tag verhängt. Oder Dr. Willi Geiger, der als Sonderrichter zur NS- Zeit Todesurteile verhängte, wurde Richter im Zweiten Senat des Bundesverfassungsgerichts. In seiner Dissertation schrieb er 1940, dass Juden oder Marxisten „Schädlinge an Staat und Volk“ seien, die zu vernichten sind. 35 Jahre später unterzeichnete er mit dem so erworbenen „Dr.“-Titel das von ihm formulierte Verfassungsgerichtsurteil zum Berufsverbot für Kommunisten und andere politisch Verfolgte. Ihnen wurde unterstellt, dass sie „als verfassungsfeindliche Kräfte im öffentlichen Dienst“ nicht für „freiheitliche demokratische Grundordnung im Sinne des Grundgesetzes“ stehen. Der erste Präsident des Bundesverfassungsgerichtes, Hermann Höpker-Aschoff, war als Chefjurist unmittelbar in die faschistische Vernichtungs- und Vertreibungspolitik einbezogen und wurde übrigens von seinem Freund, dem Bundespräsidenten Theodor Heuss, der 1933 die Hand für Hitler hob, nach Nazi-„Stallgeruch“ für die Stelle in Karlsruhe empfohlen. Als das BSG 1954 gegründet wurde, stand ihm mit Joseph Schneider als Präsident ein Richter vor, der während der Nazizeit hohe Ämter bekleidete.
Im Gegensatz dazu die konsequente Haltung der BRD-Siegerjustiz gegenüber Unrecht in der DDR. Mal abgesehen davon, dass die Gleichsetzung der DDR über den Begriff Unrechtsstaat den faschistischen Völkermord auf unerträglich und unzulässige Weise verharmlost, wurde ungeachtet dessen allen sog. „Staatstragenden“ der DDR pauschal die Rente unter Sozialhilfeniveau gekürzt. Das Bundesverfassungsgericht hat sich erst dieser Tage geweigert, eine Verfassungsbeschwerde von ehemaligen Mitarbeitern des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) in Sachen Rente auch nur entgegenzunehmen. Die Mitarbeiter beanspruchen Anwartschaften aus dem Sonderversorgungssystem des MfS, die ihnen eine eigenständige Alterssicherung außerhalb der gesetzlichen Rentenversicherung in der DDR gewährleisten sollte. Die in das Sonderversorgungssystem eingezahlten Beiträge, die dem eines bundesdeutscher Beamten ähneln, wurden erbarmungslos gekürzt und enteignet. Von der Rentenkürzung sind pauschal alle „Staatsnahen“ und „Stasi“-Mitarbeiter betroffen. Dieser Missbrauch des Sozialrechts als Strafrecht wurde in der deutschen Geschichte bis dahin nur von den Nazis praktiziert. Auch das nach der Vereinigung beschlossene Entschädigungsrentengesetz, das die Zahlung von Pensionen für Nazi-Verfolgte der DDR regelt, hat SED-Funktionäre ausgeschlossen. Unter den gegenwärtig bestehenden Machtverhältnissen stehen Rechtsfragen, wie rentenrechtliche Entscheidungen, hinter politischen Machtfragen. Sozialrichter in der BRD haben wie im vereinten Deutschland ein Mandat der sog. „großen Volksparteien“ und folgen deren politischen Intensionen.
Auch Dieter Skiba war „Stasi“- Mitarbeiter und einer der Nazijäger in der DDR. Er brachte jetzt das Buch heraus: „Im Namen des Volkes. Ermittlungs- und Gerichtsverfahren in der DDR gegen Nazi- und Kriegsverbrecher“. Da Spionage, Sabotage, Brandstiftungen, Waffendelikte und andere subversive Handlungen im kalten Krieg gegen die DDR vielfach von ehemaligen Nazis begangen wurden, war das MfS frühzeitig auch mit der Verfolgung von Naziverbrechen betraut. Dafür hat Skiba nicht das Bundesverdienstkreuz wie Beate Klarsfeld erwartet, aber auch keine „Strafrente“. Die erhält er, obwohl oder gerade weil er Mitarbeiter der Hauptabteilung IX/11 des Ministeriums für Staatssicherheit war, die sich allein mit der Aufklärung und Ahndung faschistischer Untaten befasste. Stasikeule bedeutet aber aus der Sicht der BRD-Eliten, dass schon der mit Schuld verstrickt ist, wer nur „staatsnah“ ober „Stasi“-Mitarbeiter war. Dieser verordnete Automatismus ist aber keineswegs rechtsstaatlich, wie z.B. im Fall Holm oder bei Skiba.
Wenn man die öffentlich zelebrierte Hysterie um Andrej Holm vergleicht, der als Staatssekretär für die Linke in Berlin antreten sollte, wird schnell klar, dass die Tendenz zur Relativierung der Naziverbrechen einerseits, und Liquidierung von Linken mit der Stasikeule andererseits, bis heute anhält. Weil Holm seine Vergangenheit verschwiegen haben soll, wurde er vom Senat, als auch von seinem Arbeitgeber, der Humboldtuniversität, geschasst. Auch hier lohnt ein Vergleich im Umgang der BRD mit Naziverbrechern und Stasi-Belasteten. Z.B. ein Herr Wilhelm Krelle wurde von der Humboldt-Uni 1991 als Gründungsdekan der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät eingesetzt. Mit den Worten „über die Schwelle dieses Hauses … kommt mir kein Marxist“, hatte er als Westimport politisch ungewollte Wissenschaftler aus dem Osten entlassen. In seinem Lebenslauf hatte er geflissentlich verschwiegen, dass er als SS-Sturmbannführer bis in die letzten Kriegstage fanatische Durchhaltebefehle anwies. Von der Humboldt-Uni wurde der Herr Professor wahrscheinlich nicht mit einem Formblatt belästigt und konnte so auch kein Kreuz an der falschen Stelle machen. Stattdessen wurde ihm 1987 das Bundesverdienstkreuz überreicht und 1994 wurde er u.a. von der Humboldt-Uni zum Ehrendoktor ernannt. Als seine Vergangenheit herauskam beschwerte er sich, dass man sein Leben zerstören wolle und dass doch über die Nazizeit alles gesagt sei. Dass er Mitglied der Waffen-SS war, stritt er ab. Verglichen mit dem Umgang mit Holm ist das ist ein Skandal. Nazi-Verbrecher dürfen Generationen von Studenten prägen und erhalten dafür höchste Auszeichnungen, während Stasi-Belastete auch ohne Schuld stigmatisiert und abserviert werden. So kann die Frage nach Schuld und Verstrickung nicht beantwortet werden.
Das Messen mit zweierlei Maß in der Politik ist „normal“ in dieser Republik. Nicht erst das Trump-Team ist Meister im Umgang mit „alternativen Fakten“. Zwischen der faschistischen Vergangenheit Deutschlands und dem rechten Terror der Neonazis besteht ein direkter Zusammenhang. Die sog. „Nationalsozialisten“ erhoben  Rechtsterrorismus zur staatlichen Politik. In der Bundesrepublik existiert rechter Terror seit ihrer Gründung (Bund Deutscher- und Heimattreuer Jugend, Münchner Oktoberfest 1980, NSU usw.). Es gehört auch zum Thema der „alternativen Fakten“, wenn uns im bundesdeutschen Mainstream weiß gemacht werden soll, dass der Terror der Neonazis aus Ostdeutschland kommt.
Weitere Beiträge zu diesem Thema hier im Blog:
– „Stasikeule statt politische Auseinandersetzung“

Kategorien: Europa Themen, Politischer Reiseblog | Schlagwörter: , , , , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Stasikeule statt politische Auseinandersetzung

Auch nach fast drei Jahrzehnten geeintem Deutschland wird wieder mal eine „Stasi“-Affäre genutzt, um sie gegen die rot-rot-grüne Regierung in Berlin in Szene zu setzen. Seit der Wende gehört es zur Staatsräson der BRD die DDR zu „deligitimieren“. Seitdem wird die Stasikeule gegen Andersdenkende politisch instrumentalisiert, wie im Mittelalter die Keule der Inquisition. Gegen andersdenkende Linke zieht das Establishment alle Register. Wie schon gegen Gregor Gysi, natürlich immer „rein zufällig“ vor Wahlen. Diesmal soll die gewählte rot-rot-grüne Koalition über die Klinge springen, indem die „Stasi“- Vergangenheit des parteilosen Holm vorgeschoben wird, der für die Linke als Staatssekretär berufen wurde. In Wahrheit geht es bei der öffentlich zelebrierten Hysterie nicht um „Stasi“, sondern um Gentrifizierung und die soziale Spaltung der Stadtgesellschaft.
Statt über politische Inhalte zu reden, verfallen Politik und Medienöffentlichkeit („Establishment und Lügenpresse“) in das sattsam bekannte Ritual, Politiker wegen vermeintlichem Fehlverhalten zu eliminieren. Bei diesem unseriösen Politikstil geht es immer um vorgeschobene „Fehler der Anderen“, wie: Fehlerhafte Steuererklärung, falsch abgerechnete Dienstwagennutzung, unkorrekte Angaben in der Vita, radikale politische „Jugendsünden“, Alkohol am Steuer, Bonusmeilen usw.. Holm wird mit der Stasikeule zur Strecke gebracht. Oder noch einfacher: Mit dem „falschen“ Kreuz im Fragebogen. Es ist ihm hoch anzurechnen, dass er die Reißleine zieht, um den Sturz der neu gewählten Regierung zu verhindern, nachdem der regierende Bürgermeister entsprechend seinem Politikstil seinen Partnern gezeigt hat, dass er nicht mit ihnen auf gleicher Augenhöhe regieren will.
Mit Holms Rausschmiss wurde ein gesellschaftspolitischer Richtungsstreit in der Stadt-, Bau- und Wohnungspolitik beendet, bevor er überhaupt beginnen konnte. Zudem wurde wieder einmal eine Gelegenheit zur differenzierten Auseinandersetzung mit dem Thema Stasi verpasst, die bisher noch nicht stattgefunden hat in diesem Land. Diesen Vorwurf muss sich auch die Linke machen lassen. Sie hat sich innerhalb ihrer Koalition nicht durchsetzen können, und es ist zu befürchten, dass sie gleich am Anfang der Legislatur gegenüber der Interessenlobby der Immobilienwirtschaft und ihrer gesamten Branche eingebrochen ist. Holm hat viele Unterstützer, aber gegen Holm ist auch eine breite Mittelschicht in dieser Stadt, der das „Gerede von Gentrifizierung“ Unbehagen bereitet, weil sie sich und ihre Nachbarschaft in ihrer Lebensweise angegriffen fühlt, meint auch Michael Nelken, Wohnungspolitischer Sprecher der Linken Fraktion in Berlin.
Bei der generellen „Stasi“- Überprüfung in Institutionen, Behörden und politischen Gremien wurde eine Stasi-Mitarbeit zum weitgehend undifferenzierten Eignungskriterium für Menschen mit differenzierten Lebensgeschichten. Bei den „Stasi“- Debatten“ standen nur „Schuld“, „Belastung“ und „moralische Integrität“  im Vordergrund. Durch die politische Instrumentalisierung des „Stasi“- Themas wurde und wird eine differenzierte Auseinandersetzung mit der Verantwortung des Einzelnen und eine systematische Aufarbeitung des Wirkens eines Geheimdienstes als Instrument von Herrschaftsausübung (aller Herrschenden im Allgemeinen und der SED im Besonderen) blockiert.
Selbst Sachverständige mussten einen Fragebogen ausfüllen, wenn sie aus dem „Beitrittsgebiet“ kamen und in ihrem Fachgebiet eine „öffentliche Bestellung und Vereidigung“ anstrebten, obwohl das Institut der öffentlichen Bestellung nichts mit einem öffentlichen Amt zu tun hat. Auch wer diesen Fragebogen nicht ausfüllte, war zumindest verdächtig und ihm wurde die Integrität abgesprochen, als „öffentlich bestellter Sachverständiger“ zu arbeiten. Dabei führte pauschal nicht nur eine hauptamtliche Stasitätigkeit zum Ausschluss, sondern „jede Tätigkeit in irgendeiner Form“ bei der Staatssicherheit. Nach einer Pauschalverurteilung waren alle „Staatsnahen“ aus der DDR „persönlich ungeeignet“. Die gesamte Elite der DDR wurde ausgetauscht, Ausnahmen bestätigen die Regel.  Das alles erinnert an die bekannte Berufsverbotspraxis in der BRD, die nach der territorialen Wiedervereinigung wieder auflebte.
Ein Kreuz an der „richtigen Stelle“ im Fragebogen bei der Frage nach hauptamtlicher Stasitätigkeit bei der üblichen Einstellungspraxis im öffentlichen Dienst hätte für Holm bedeutet, dass man ihm nicht nur die Stelle als Lehrbeauftragter an der Humboldt-Uni verweigert hätte, sondern eine wissenschaftliche Laufbahn an jeder deutschen Universität. Ein Kreuz an der „falschen Stelle“ führt zum gleichen Ergebnis. Berücksichtigt man seine Lebensgeschichte differenziert, hat Holm das Kreuz an der richtigen Stelle gemacht. Denn 4 Monate Wachregiment waren keine „hauptamtliche“ Tätigkeit, denn Soldaten des Wachregiments erhielten eine militärische und keine geheimdienstliche Ausbildung. Und der eine Monat in der Bezirksverwaltung des Ministeriums für Staatssicherheit zählt nicht, weil der Geheimdienst schon Stasi genannt wurde, d.h. sich schon in Auflösung befand.
Bleibt die moralische „Verfehlung“ Holms, an der sich seine politischen Gegner hochspielen. Aber ein 18-jähriger konnte sich nicht bewusst gewesen sein, dass er „Teil eines Repressionsapparates“ war und dafür „strukturelle Verantwortung“ trug, wie Holm jetzt klein beigibt. Nicht nachdem er ein paar Monate in einem Geheimdienst Wache geschoben hat, und nicht wenn er zu der großen Mehrheit gehörte, die nicht in Konflikt mit der Staatsmacht geriet und aus der Sicht der Stasi kein „Staatsfeind“ war. Selbst einem „Hauptamtlichen“ muss nicht bewusst gewesen sein, dass er „Teil eines Repressionsapparates“ war. Denn auch die Repression war geheim, wie alles in diesem Geheimdienst. Wie übrigens in jedem Geheimdienst der Welt noch heute. Viele Hauptamtliche glaubten, dass sie für ein neues Deutschland arbeiteten und erfuhren erst spät, dass nicht alle Staatsfeinde auch welche waren. Der Arzt im Stasi-Krankenhaus, oder der Bauingenieur in der Bauabteilung, oder der Koch in der Stasi-Küche waren nicht direkt mit Repression konfrontiert. Ungeachtet dessen folgt an dieser Stelle regelmäßig von Rechts der plumpe und unzulässige Vergleich mit dem Naziregime. Einerseits geht es um millionenfachen Mord, andererseits um Millionen Akten. Nazi-Verbrechen wurden in der BRD lange nicht konsequent geahndet, Staatsnahe aus der DDR werden ungeachtet ihrer Biografie und auch ohne Schuld konsequent stigmatisiert. Von einer Aufarbeitung der DDR-Geschichte ohne das vorgekaute Geschrei „Kalter-Krieger“ ist dieses vereinte Deutschland noch weit entfernt.

Weitere Beiträge zu diesem Thema, z.B.:
– DDR ein Unrechtsstaat?
– NSA, BND, Stasi
– Die unheimliche Macht der Geheimdienste

Kategorien: Europa Themen, Politischer Reiseblog | Schlagwörter: , , , , , , , | 2 Kommentare

Wachsende Armut in Deutschland

Kürzlich titelte allen Ernstes eine rechte Mainstream- Zeitung im Dienste des Establishments, dass „von wachsender Armut in Deutschland keine Rede sein kann“. Diese Behauptung wurde aus der leicht sinkenden Zahl der Hartz IV-Bezieher seit Einführung des Arbeitslosengeldes (ALG-II) vor 12 Jahren abgeleitet. Lt. Statistik sind 16,2 Millionen Menschen von Armut oder sozialer Ausgrenzung betroffen. Fast 6 Millionen (dav. 1,6 Mio Nicht-Erwerbsfähige, vor allem Kinder) sind von Hartz IV abhängig, weil sie nicht genug Geld haben, um ihren Lebensunterhalt, sowie eine warme Wohnung zu bezahlen. In diesem Zusammenhang steht auch die Tatsache, dass 6,8 Millionen Menschen in Deutschland ihre Schulden nicht abzahlen können (lt. Kreditreform 6,1% der Bevölkerung). Ursache für Überschuldung sind vor allem niedrige Einkommen, Arbeitslosigkeit, sowie Unfälle und Krankheit. Als arm gilt, wer über weniger als 980 € monatlich verfügt (Singles mit weniger als 60 % des mittleren Einkommens). Der Hartz IV- Regelsatz (Existenzminimum) betrug  2015 399,- €, zuzüglich 364,- € für eine warme Wohnung und liegt demnach unter der Armutsgrenze. Das Armutsrisiko ist nicht nur in den ostdeutschen Bundesländern hoch, sondern auch in westdeutschen. Dass die Armutsgefährdung in Deutschland geringer als in den übrigen EU-Ländern ist, ist für die Betroffenen auch nur ein schwacher Trost, zumal Deutschland über eines der höchsten Bruttoinlandsprodukte verfügt. Der Armuts- und Reichtums-Bericht 2016 stellt fest, dass der Einfluss auf politische Entscheidungen mit dem Vermögen steigt. Die Regierung streicht diese Aussage aus dem Bericht.
Die staatliche Grundsicherung für Arbeitslose (Hartz IV) wird nach Sozialgesetzbuch (SGB II) geregelt. Die Zahl der „Hartz-IV“-Empfänger, denen Geldzahlungen wegen „Pflichtverletzungen“ gekürzt werden (z.B. wegen: ungeeigneten, oder unterbezahlten Job nicht angenommen, oder einen Termin unentschuldigt versäumt), oder denen sämtliche Leistungen gestrichen wurden, geht in die Hunderttausende. Die Sanktionen der Jobcenter gehen soweit, dass auch Schwangere bestraft werden sollen, wenn sie z.B. den Namen des Erzeugers nicht nennen wollen. Die Strafen sind willkürlich, weil die Jobcenter wegen der andauernden Arbeitslosigkeit so gut wie keine Jobs vermitteln können. Und wenn dann höchstens atypische. Die Sanktionen sind auch politisch gewollt, um Leistungsbezieher in Arbeitsverhältnisse zu zwingen, die unterqualifiziert und/oder unterbezahlt sind.  Die Jobcenter verfügen über spezielle Ermittler, die bei Betrugsverdacht weitgehend die gleichen Rechte wie die Staatsanwaltschaft bei der Verfolgung von Straftaten haben. In deren Ermessen liegt es andere Behörden einzubeziehen, wie das Grundbuch-, Gewerbe- und Einwohnermelde-Amt, das Amtsgericht, das Handelsregister, und nicht zuletzt auch Banken. Um nicht missverstanden zu werden: Es ist legitim gegen Sozialbetrug vorzugehen. Das berechtigt aber nicht dazu pauschal alle Antragsteller oder Leistungsbezieher unter Generalverdacht zu stellen, Betrüger oder Sozialschmarotzer zu sein, die nur versuchen, sich Leistungen zu erschleichen oder Vermögen zu unterschlagen. Um weitere Missverständnisse auszuschließen: Die Grundsicherung ist nur relativ sozial, weil sie nicht bedingungslos Existenzen sichert und Menschen in Armut belässt und erniedrigt.
Der Spielfilm „Ich, Daniel Blake“ von Ken Loach (ausgezeichnet mit der »Goldenen Palme«) zeigt den Irrsinn eines Systems, das den Menschen zum Kostenfaktor degradiert. Er zeigt aus der Sicht eines Betroffenen, wie die Sozialstaatsbürokratie Sozialhilfe verweigert. Er zeigt auch die Erbarmungslosigkeit, mit der die herrschende Politik hilfsbedürftige Menschen psychisch erniedrigt und materiell zerstört. Als schonungsloser Dokumentarfilm wäre das Thema wohl nie ins Kino gelangt und vom öffentlich-rechtlichen Fernsehen als propagandistisch abgelehnt worden. Über die subversive Kraft der Phantasie sagt das Sozialdrama jedoch so viel mehr über Würde, Mitgefühl und Kapitalismus aus, als das es zehn Regalmeter akademischer Abhandlungen jemals könnten. Der Film ist eine bittere Anklage nicht nur gegen den britischen sondern auch gegen den deutschen Sozialstaat. Auch wenn er sich denen zuwendet, die nichts zu verlieren haben als ihre Ketten, sollten auch die den Film gesehen haben, die dem Sozialstaat noch nie ausgeliefert waren, um die institutionalisierte Barbarei des kapitalistischen Sozialhilfesystems zu verstehen.
Selbst Arbeit schützt vor Armut nicht. 1,3 Millionen Beschäftigte erhalten Hartz-IV-Leistungen, weil sie von ihrem Arbeitslohn allein nicht leben können. Atypische, prekäre Beschäftigungsformen, wie Niedriglöhne, unfreiwillige Teilzeit- oder Leiharbeit, sowie Soloselbstständigkeit, machen es immer mehr Beschäftigten unmöglich, von ihrem Arbeitseinkommen ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Eigentlich müsste ein Vollzeitjob nicht nur das Einkommen, sondern auch das Auskommen sichern. Denn ein steigender Anteil von Menschen, die dauerhaft nicht von ihrer Arbeit leben können, untergräbt die Legitimität einer Wirtschafts-und Gesellschaftsordnung. Auch ein Mindestlohn von 8,50 € brutto pro Stunde ist viel zu niedrig, um Armut zu verhindern. Erst ein Mindestlohn ab etwa 12,- € könnte vor einer Armutsfalle schützen. Viele Unternehmen stellen immer mehr Teilzeitbeschäftigte ein, um Lohnkosten zu reduzieren. Mehr als ein Drittel der europäischen Erwerbstätigen arbeiten inzwischen in atypischen Beschäftigungsformen, also in Verhältnissen, die sich durch Unsicherheit, Unterbrechungen sowie durch ein erhöhtes Risiko der Erwerbslosigkeit auszeichnen. Dabei stellt die hohe Zahl Abgehängter, insbesondere Jugendlicher, die unter der wachsenden Perspektivlosigkeit leiden, eine Gefahr für den gesellschaftlichen Zusammenhalt dar und spielt den erstarkenden populistischen Bewegungen in die Hände. Immer mehr, vor allem Jugendliche, die komplett außerhalb von Job und Ausbildung leben, ziehen sich enttäuscht und frustriert aus der Gesellschaft zurück.
Auch die gesetzliche Rente schützt weder vor Armut, noch sichert sie den Lebensstandard. Armut verkürzt die Lebenserwartung um etwa 10 Jahre. Die Zahl der Menschen, die über 65 Jahre alt sind und Grundsicherung im Alter (nach SGB XII) beziehen, hat sich seit 2003 auf 536.000 erhöht und damit mehr als verdoppelt. Insbesondere wegen der geringen, nach unten nicht gedeckelten Renten. Diese an die Hartz-IV-Regelsätze gekoppelte Leistung ist nicht bedarfsgerecht und damit auch nicht armutsfest. Anders als ALG II-Bezieher haben die Empfänger der Alterssicherung auch keine Aussicht auf Verbesserung ihres Einkommens, und alle ihre Ersparnisse werden auf die Grundsicherung angerechnet. In Österreich dagegen erhält jeder Beitragszahler nach 30 Versicherungsjahren eine Alterssicherung von mindestens 1.260,-€.
Um eine weitere Absenkung des deutschen Rentenniveaus zu verhindern, wären staatliche Mehrausgaben in Milliardenhöhe erforderlich. In Zeiten des demografischen Wandels, in der die Republik schrumpft und altert, sei die steigende „Versorgungslast“ unbezahlbar, behaupten die Arbeitgeberverbände. Immer weniger beitragszahlende Beschäftigte müssen künftig immer mehr Rentner versorgen. Die Zahl der Erwerbsfähigen ist seit 1950 stark fallend. Dazu trägt auch die anhaltende Arbeitslosigkeit bei. Die Renten stiegen trotzdem, dank steigender Arbeitsproduktivität. Diese sichert eine höhere Rendite (Profit), hat aber auch den Nachteil, dass sie unter kapitalistischen Verhältnissen statistisch nur wächst, wenn in deren Folge Arbeitskräfte entlassen werden. Da sich die Rentenkassen über Beiträge auf die Arbeitseinkommen finanzieren, müssten die Reallöhne im gleichen Maße steigen. Damit ist die Rentenfrage auch eine Verteilungsfrage zwischen abhängig Beschäftigten und Arbeitgebern.
Obwohl das Sozialstaatsgebot des Grundgesetzes zur Armutsbekämpfung verpflichtet, hat keine Bundesregierung die Armut bisher als Gefahr für den gesellschaftlichen Zusammenhalt erkannt und ihr konsequent entgegengewirkt, meint der ausgewiesene Experte für soziale Probleme und Bundespräsidentschaftskandidat der Linkspartei Christoph Butterwegge. So wie Armut sind auch Reichtum und Vermögen soziale Fremdwörter für die Etablierten. Statt auf Umverteilung des gesellschaftlichen Reichtums von oben nach unten, setzt das Establishment lediglich auf das „freiwillige Engagement Vermögender“. Die Regierungsparteien tun zu wenig gegen wachsende Armut, aber alles um den Reichtum der Superreichen zu fördern. Rechtspopulisten können sich daher als Sprachrohr der sozial Benachteiligten, Abgehängten und Ausgegrenzten profilieren, obwohl sie selbst auch nur die Interessen der wirtschaftlich und politisch Etablierten vertreten. Die Kluft zwischen Arm und Reich müsste durch mehr soziale Gerechtigkeit und Solidarität verringert, und die Stigmatisierung aller Abgehängten als „Drückeberger, Faulenzer und Sozialschmarotzer“ beendet werden. Das kann erreicht werden durch die Wiedererhebung der Vermögensteuer, einer höheren Körperschaftsteuer, einer gerechteren Erbschaftsteuer, ein progressiverer Einkommensteuertarif mit einem höheren Spitzensteuersatz und eine auf dem persönlichen Steuersatz basierende Kapitalertragsteuer. So wäre ein Kurswechsel in der Sozialpolitik zwar teuer, aber bezahlbar. Aber solange die rechte Regierung, nicht nur in Deutschland, die heilige Kuh (Besteuerung des Reichtums der Superreichen) nicht schlachten will, wird sich auch nichts ändern an der Armut in einem der reichsten Länder der Welt. Das Vermögen der Superreichen (Oligarchen) ist der eigentliche Skandal.  1 % der Weltbevölkerung besitzt mehr Vermögen, als der Rest der Welt zusammen! Aber die Zweiklassengesellschaft wird vom Mainstream nicht thematisiert. Wie lange lassen sich die 99 % diese asozialen Eigentumsverhältnisse noch gefallen? Sie sind die Ursache z.B. dafür, dass Millionen auf der Flucht vor Krieg und Elend sind. Wer seine Wut gegen die Flüchtlinge richtet, verwechselt Ursache und Wirkung und ist Populisten auf dem Leim gegangen.
Statistische Zahlen sagen nichts darüber aus, wie viele nicht in der Statistik erscheinen, weil sie es vorziehen auf die „Sozialleistung“ zu verzichten, um sich nicht erniedrigen und demütigen zu lassen. Die Statistik sagt auch nichts darüber, wie viele Anträge auf Grundsicherung von sog. Jobcentern, Sozialämtern und Sozialgerichten trotz Widerspruch abgelehnt werden. Auch diese Zahlen gehen sicher in die Hunderttausende. Daher soll hier im nächsten Blog-Beitrag („Armes Deutschland und die dritte Gewalt“) von einem Gerichtsurteil eines Antragstellers auf Grundsicherung für Arbeitslose und im Alter berichtet werden.

Weitere Beiträge zu diesem Thema:
Wohnungsnot und Schweinezyklus 11/15
Zweiklassengesellschaft 2/15
Armes oder reiches Deutschland? 3/11

Kategorien: Europa Themen, Politischer Reiseblog | Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Die Plünderung Afrikas

Afrika verfügt über ein Drittel aller Kohlenstoff- und Mineralressourcen der Welt. Ein Reichtum, der für die Bevölkerung Afrikas unter den derzeitigen politischen und ökonomischen Bedingungen ein Fluch ist und kein Segen, weil nur andere davon profitieren („Ressourcen-Fluch“). Ein kriminelles Netzwerk aus zwielichtigen Händlern, internationalen Großkonzernen und kapitalistischen Freibeutern hat sich den Zugang zu den Ressourcen gesichert und greift die Gewinne systematisch ab. Die direkten Folgen sind ausufernde Korruption, Gewalt und Unterdrückung. Die gibt es aber auch in Ländern mit geringen Bodenschätzen, wie Kenia. In Norwegen z.B. sind die Ressourcen dagegen eher ein Segen.
In den rohstoffreichen Ländern Afrikas strömen Dollars zum Kauf von Rohstoffen ins Land, während der Rest der Wirtschaft deformiert wird. Diese Staaten tun nichts weiter, als ausländischen Unternehmen die Lizenz zur Förderung von Öl oder dem Schürfen nach Erzen zu geben. In rohstofffinanzierten Regimes dient das Nationaleinkommen nur denen, die die Kontrolle über den Staat ausüben. Das sind Kleptokratien, in denen Regieren und Diebstahl ein und dasselbe sind. Die Bildungsausgaben sinken, während die Militärbudgets immer größer werden. Wer einmal an der Macht ist, gibt sie nicht wieder ab: Die vier am längsten an der Macht befindlichen Staatschefs der Welt sind Teodoro Obiang Nguema in Äquatorialguinea, José Eduardo dos Santos in Angola, Robert Mugabe in Simbabwe und Paul Biya in Kamerun. Sie alle sind machtbesessen und haben viel zu verlieren. Der Präsident der demokratischen Republik Kongo in Kinshasa, Joseph Kabila, will auch nach seiner 2. Amtszeit nicht abtreten. Kabila kam dem Westen 2001 gelegen, weil er den Bergbau des rohstoffreichsten Landes in Afrika privatisierte und den Bergbaumultis 30 Jahre Steuerfreiheit einräumte. Inzwischen hat er sich Hunderte Millionen unter den Nagel gerissen. Seiner Familie hat er Schürfrechte für Gold-, Diamanten-, Kupfer- und Kobalt-Minen gesichert.
Afrika hat 13 % der Weltbevölkerung, generiert aber nur 2 % des weltweiten Bruttoinlandsproduktes. Hier lagern schätzungsweise 15 % der Rohölvorräte, 40 % des Goldes und 80 % des Platins dieses Planeten. Die reichhaltigsten Diamanten-Minen befinden sich in Afrika, außerdem bedeutende Vorräte an Uran, Kupfer, Eisenerz, Bauxit.
Außenstehende sehen in Afrika den Kontinent, der unaufhörlich Hilfe schluckt, selbst aber wenig zur Weltwirtschaft beiträgt. Doch bei näherer Betrachtung sieht die Beziehung zwischen Afrika und dem Rest der Welt ganz anders aus. Im Jahr 2010 betrug der Wert der Brennstoff- und Mineralexporte aus Afrika 333 Milliarden Dollar, mehr als das Siebenfache der Wirtschaftshilfe, die in den Kontinent floss. Nicht eingerechnet sind dabei die riesigen Summen, die durch Korruption und Steuertricks aus Afrika geschmuggelt werden.  Industrieländer, die Ressourcen aus Afrika konsumieren leben im Reichtum, die meisten Afrikaner haben dagegen kaum genug zum Leben. D.h. vom Gewinn des Öl- und Minengeschäfts sehen sie nichts. Die durchschnittliche Lebenserwartung Finnlands oder Südkoreas mit den beiden größten Handyherstellern der Welt beträgt 80 Jahre. Die Lebenserwartung in der Demokratischen Republik Kongo, mit den größten Mineralvorkommen der Welt, die unentbehrlich für die Herstellung von Handybatterien sind, beträgt nicht mehr als 50 Jahre. Die afrikanischen Öl- und Erz-Exporte gehen hauptsächlich nach Nordamerika, Europa und in wachsendem Maße nach China.
Afrika ist nicht nur außerordentlich reich an natürlichen Ressourcen, sondern auch außerordentlich abhängig von ihnen. Ein rohstoffreiches Land wird leicht zum Opfer des Ressourcenfluchs, wenn die Exporte zu mehr als einem Viertel aus Rohstoffen bestehen. In diese Kategorie fallen mindestens zwanzig afrikanische Länder. In Europa beträgt der Anteil der Rohstoffe 11 % am Export, in Nordamerika 15, in Lateinamerika 42 und in Afrika sind es 66 % – etwas mehr als in den Staaten der ehemaligen Sowjetunion und etwas weniger als im Nahen Osten. In Nigeria und in Angola beträgt der Anteil der Rohstoffexporte fast 100 %! Die Abhängigkeit der Rohstoffstaaten Afrikas wird besonders dann dramatisch, wenn die Rohstoffpreise auf dem Weltmarkt fallen. Der Ressourcenfluch ist nicht einfach irgendein bedauerliches wirtschaftliches Phänomen in den afrikanischen Rohstoffstaaten, sondern eine systematische Plünderung, meint Tom Burgis, investigativer Journalist, in seinem Buch „Der Fluch des Reichtums“ über „die Plünderung Afrikas“. Die Plünderung Afrikas begann im 19. Jahrhundert, als Expeditionen von Siedlern, imperialen Gesandten, Rohstoffjägern, Kaufleuten und Söldnern vordrangen. Ab Mitte des 20. Jahrhunderts begann der Öl-Boom in Nigeria. Während die europäischen Kolonialisten abzogen und die afrikanischen Staaten ihre Unabhängigkeit gewannen, verblieben die Konzerne der Rohstoffindustrie und verfolgten weiter ihre Interessen. Mehr als die Hälfte des weltweiten Bruttoinlandsprodukts basiert auf Rohstoffen. D.h. der Wohlstand insbesondere in den westlichen Industrieländern ist sehr stark abhängig vom Rohstoffreichtum Afrikas und dessen Plünderung. Wenn auch nicht alle Unternehmen und afrikanische Staatsmänner plündern, so wurde doch letztendlich die Plünderungsmaschine modernisiert. Wo einst gewaltsam aufgezwungene Verträge Afrikaner um ihr Land, ihr Gold und ihre Diamanten brachten, zwingen heute Heerscharen von Anwälten der Öl- und Bergbaugesellschaften mit Hunderten von Milliarden Dollar Jahresumsatz afrikanischen Regierungen ihre Bedingungen auf und nutzen Steuerlöcher, um die rohstoffabhängigen Länder um ihre Einnahmen zu betrügen. An die Stelle der kolonialen Imperien sind verborgene Netze von multinationalen Unternehmen, Zwischenhändlern und afrikanischen Potentaten getreten.

Kategorien: Afrika Themen, Politischer Reiseblog | Schlagwörter: , , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Erstelle eine kostenlose Website oder Blog – auf WordPress.com.