Nigeria ein Pulverfass

Wenn Nigeria, das bevölkerungsreichste Land Afrikas, von sich reden macht, dann im Zusammenhang mit Anschlägen der Boko Haram. Anfänge gehen zurück ins Jahr 2002, als in der Hauptstadt Abuja ein Miss-World-Wettbewerb abgesagt werden musste, weil muslimische Jugendliche randalierten. Ein Jahr später wurde die islamistische Sekte Boko Haram bekannt, deren Name „Westliche Zivilisation ist Sünde“ bedeutet. Sie sieht die Korruption als Ausfluss des westlichen Lebensstils an, was ja so weit nicht hergeholt ist. Die Mitglieder der Sekte lehnen die Evolutionstheorien Darwins genauso ab wie die Tatsache,  dass die Erde rund ist. Das ist nun wieder sehr weit hergeholt. Die Sekte hat ihre Wurzeln in Nordnigeria und ist nach dem Vorbild der Taliban in Afghanistan und Pakistan strukturiert. Sie betrachtet alle, die nicht ihrer strikten Ideologie folgen, als Ungläubige, Christen ebenso wie Muslime, die nach Meinung der Sekte den islamischen Gesetzen nicht konsequent genug folgen. Sie schürt den Zwist zwischen den verschiedenen Gottesanbetern.
Boko Haram ist ein nigerianisches Phänomen, das unter Bedingungen entstand, die für viele afrikanische Länder typisch sind. Die nationalen Grenzen des Kontinents wurden von den Kolonialmächten ungeachtet kultureller und ethnischer Identitäten gezogen. Beim Durchschneiden entstanden gewissermaßen künstliche Nationen. Nigeria hat 250 identifizierbare Stämme und mehr als 400 Dialekte. Die Loyalität der Menschen gilt daher weniger dem Staat als ihrem Clan, Stamm oder ihrer Sekte. Hinzu kommt die religiöse Kluft, die sich aus arabischer Dominanz im Norden und europäischer Dominanz im Süden ergab. Die Araber brachten den Islam, die Europäer das Christentum. Nigerias Regierung ist geprägt durch schwach entwickelte Institutionen und gierige Eliten, wie in vielen anderen afrikanischen Ländern. Ämter werden genutzt, um sich selbst und sein Patronage-Netzwerk zu bedienen. Die Vorstellung, der Nation als Ganzes  zu dienen, ist noch nicht üblich.
Als im Februar 2012 die Ölsubventionen gestrichen wurden und sich der Benzinpreis verdoppelte, beteiligten sich Millionen an einem Streik. Der Staat mit seinen riesigen Ölreserven und der größten Ölförderung Afrikas wurde zum Ausbeuter. Von dem Rohstoffreichtum des Landes sehen nur die Wenigsten etwas, die große Mehrheit der Bevölkerung ist bitterarm. Auch das ist typisch für viele Länder Afrikas. Trotz des wirtschaftliche BIP-Wachstums von etwa 7% (!) in den letzten Jahren, leben 70 % von weniger als 1,25 Dollar am Tag. In Nigeria sind von der Armut insbesondere die muslimischen Regionen im Norden betroffen. 72% sind im Norden arm, im Süden „nur“ 27%. Das allgemeine Klagen über Korruption, Ungerechtigkeit und unfairer Verteilung von Wohlstand und Macht nutzt die Boko Haram mit ihrer Religion. Die Reichweite ihrer Operationen lässt vermuten, dass sie nicht nur  von internationalen  Terrororganisationen und von somalischen Al-Shabab und Al-Qaida im Maghreb unterstützt wird, sondern auch von staatlichen Regierungs- und Sicherheitskreisen. Nigeria braucht eine Regierung, das sich um Themen wie Bildung, Gesundheit, Arbeitsplätze und Wohnungen kümmert und dabei insbesondere die benachteiligten Regionen berücksichtigt.

Die Gefahr eines Bürgerkrieges ist in diesem leidgeprüften Land erneut gegeben, seit dem Biafra-Krieg vor 45 Jahren, dem einst mehr als 1 Million Menschen zum Opfer fielen.

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Kategorien: Afrika Themen, Politischer Reiseblog | Ein Kommentar

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Ein Gedanke zu „Nigeria ein Pulverfass

  1. Hallo Markus, da ich zu einer linken Minderheit gehöre, die sich für mehr soziale Gerechtigkeit, gegen Fremdenhass und für Frieden einsetzt, wundert es mich nicht, dass „Meine Weltanschauung“ nicht nur auf Zustimmung stößt. Ich schreibe über Themen, die entweder vom Mainstream ausgeblendet, oder aus einer völlig anderen Sicht dargestellt werden. Dabei kommentiere ich Informationen die ich während der Reise aus einer überregionalen, linken Tageszeitung beziehe. Persönliche Reiseeindrücke aus den Ländern fließen mit ein. Meine Anschauung stellt keine wissenschaftliche Arbeit dar und ist auch keine Zeitung (Impressum). Daher kann man wohl kaum von Plagiaten sprechen. In dem Beispiel was du aufführst, ging es mir weniger darum nachzuweisen, wozu Sattelitenempfänger in der mauretanischen Fischereiflootte dienen. Hier ging es um ein Beispiel, warum vom Reichtum des Landes wenig bei der Masse der Bevölkerung ankommt, bzw. wie in diesem Fall ihnen die Lebensgrundlage genommen wird. Und das scheint mir symptomatisch für ganz Afrika zu sein.

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