Sudan 19.4. – 11.5.2013

Der Grenzübergang Äthiopien – Sudan bei Metema ist relativ schnell abgewickelt. Lediglich ein geringes Entgelt ist für die Immigration auf der sudanesischen Seite fällig. Camp-Sites gibt es auch hier keine. In Al-Cadarif sind auch die Hotels nicht auf Camper eingerichtet. Also beschließe ich, schon spät abends, die Nacht durchzufahren. Ein Halt auf offener Strecke bietet sich auf einem LKW- Stellplatz, um ein wenig zu schlafen. Ein alter Mann legt sich auf seinem Bettgestell gleich neben dem Auto und erwartet natürlich ein Entgelt für seine Bewachung.
In Karthum gibt es nach meiner Kenntnis 2 Camps. Den Blue Nile Sailing Club im Norden am blauen Nil und das Camp International im Süden der Stadt. Beide sind nicht sehr schön und eigentlich keine Car-Camps. Aber der im Norden verlangt 10 Dollar in harter Währung, obwohl es mehr ein Parkplatz ist. Und dann merke ich, dass ich in eine böse Falle getappt bin. Es gibt zwar eine Menge ATM (Bankomat), die akzeptieren aber keine Visa -Karten. Zum Glück hatte ich noch ein paar Dollar in Äthiopien gebunkert und ein Rest an Birr in sudanesische Pound an der Grenze getauscht. Die hin und her Rechnerei macht einen kirre. Ich hätte auf die Schlepper an der Grenze hören und noch mehr Dollar tauschen sollen.
In der Wall-Waha-Mall im Zentrum der Stadt gibt es air condition und kalte Softdrinks. Dort bereite ich die Heimreise vor. Die Variante über Wadi Halfa (Ägypten) mit der Fähre habe ich verworfen. Die Brücke ist noch nicht fertig, d.h. der Landweg nach Ägypten noch nicht durchgängig möglich, hat mir ein Reisebüro in Karthum Midhat.Sudan@gmail.com bestätigt. Es gibt zwar eine kurze Strecke direkt über den aufgestauten Nil mit Ponton-Fähre, aber wohl zum doppelten Preis. Außerdem habe ich auch keine Lust auf Grenz-Stress mit ägyptischen Behörden und Schleppern. Eine Verschiffung Port Sudan – Mersin habe ich auch verworfen, da zu den Fähr- noch die Flugkosten kommen (rd. 2.000,-USD zusammen), und ich lange auf das Auto warten müsste. Hatte auch die Variante über Saudi nach Dubai im Auge, aber von dort müsste ich wieder mit der Fähre nach Iran, um nicht über Irak zu müssen. Über Ägypten oder Dubai hätte ich mir auch eine Verlängerung meines Carnet de Passage aus Deutschland holen müssen. Habe mich daher entschlossen die RoRo-Fähre Port Sudan – Jiddah (Saudi Arabien) zu nehmen. Für Saudi-Arabien erhält man lediglich ein 3-Tage-Transitvisum. Die Saudis heißen Mekka-Touristen willkommen, andere sind nicht gern gesehen. Wer mit Frau einreist, muss mit dieser verheiratet sein. Von Aqaba (Jordanien) fahre ich rüber nach Eilat (Israel). Dann mit der RoRo-Fähre von Haifa nach Iskenderun (Türkei), oder nach Italien, um Syrien zu umgehen. Dann über Bulgarien, Serbien, Ungarn, Tschechei zurück nach Berlin. So der Plan.
Sudan ist eine Islamische Republik mit einer Militärregierung. Staatsreligion ist der Islam und es gilt die Scharia. Der Präsident wird alle fünf Jahre direkt vom Volk gewählt. Die Oppositionsparteien boykottieren die Wahlen. In den USA gilt der Sudan seit Osama bin Laden, der 1991 in den Sudan floh, als Terrorstaat. Bin Laden investierte 50 Millionen USDollar, unter anderem finanzierte er die Straße von Khartum nach Port Sudan im Osten des Landes. Die USA verhängte ein Embargo, an dem auch Barak Obama festhält. Durch die Sanktionen ist Sudan der Weg zu multilateralen Krediten beim Internationalen Währungsfonds und Weltbank verbaut. Zudem boimbardierten US-Kampfflugzeuge im August 1998 die asch-Schifa-Arzneimittelfabrik in der Nähe von Khartum wegen angeblicher Verwicklung in Chemiewaffenproduktion. Der Internationale Gerichtshof (ICC) stellte 2009 einen Haftbefehl gegen Präsident al-Bashir (zum ersten mal gegen ein Staatsoberhaupt überhaupt) wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Darfur aus. 13 Ethnien leben in Darfur, die größten sind die Fur, die Massalit und die Zaghawa. Eine schwer überschaubare Zahl von Milizen und Rebellengruppen kämpft gegeneinander und die sudanesische Armee mischt kräftig mit. Seit dem Doha-Dokument vom März 2012 ebbt der Konflikt ab. Inzwischen steht Sudan für Stabilität in einer Krisenregion, was von den USA aber bisher nicht honoriert wird.
Daher ist das Verhältnis Sudans zum Westen also mehr als gespannt. Daher funktioniert auch keine Visa-Karte bei den Banken, und der Aufenthalt ist auf 14 Tage beschränkt. Ich muss mir also als erstes Geld aus Deutschland schicken lassen, was über Western Union funktioniert. Dann fahre ich zur Botschaft der Saudis. Die verlangen zuerst ein Visum für das Folgeland (also Jordanien), sowie eine Empfehlung der deutschen Botschaft. Also ziehe ich unverrichteter Dinge wieder los und suche die deutsche Botschaft. Die aber ist abgebrannt. Nach dem Anti-Schmähvideo von Fanatikern im Oktober 2012 wurde die Botschaft wie die amerikanische von ebensolchen Fanatikern gestürmt. Auch die Botschaft Jordaniens ist nicht dort, wo sie auf meiner digitalen Karte zu finden ist. Der Weg dorthin wird zur Odyssee, weil es keinen Stadtplan, kaum Straßenschilder und keine Straßennummern gibt. Selbst Googl-Map findet keine Ortsangaben. Hat man sich mal eine Adresse auf Arabisch aufschreiben lassen, können selbst Taxifahrer keine Auskunft geben.
Hinzu kommt, dass Khartum eine der heißesten Metropolen der Welt ist. Die Temperatur beträgt im Mai durchschnittlich! 42° (Nachts 27°). Die Luft ist trocken (Luftfeuchtigkeit 14%!) und heiß. Heiß hat für mich jetzt einen neuen Ort: Khartum. Holz schwindet ungewöhnlich, selbst Sperrholz um Zentimeter. Das Thermometer schlägt im Auto bei 60 Grad an. Meine dicke Entfernungs-Überbrückungs-Plastikkarte (mein Glücks- und Engelbringer) verbiegt sich auf dem Armaturenbrett wie Wachs. Da werden auch kleine Behördengänge zur Qual. Eine Versorgung mit Essen aus der Kühlbox im Auto ist nicht mehr möglich. Nachts liegt man schweißgebadet. Oh wie schön war die frische Luft in den Bergen von Äthiopien oder das kalte Wasser im Atlantik.
Meine Stimmung sinkt dem Tiefpunkt entgegen. Ich habe schon den halben Tank in der Stadt verfahren, aber zum Glück kostet der Liter Diesel hier nur 25 Cent. Bei so viel schlechter Energie kommt was kommen muss. Ein kleiner Moment der Unaufmerksamkeit in der Western Union Ecke im Stadtzentrum nutzt ein Profi zum gezielten Handgriff: Navi und Kamera sind gestohlen aus dem Fahrerhaus! Die Warnung des Auswärtigen Amtes war insofern berechtigt: „Die Kriminalität in Khartum nimmt – auf für afrikanische Verhältnisse niedrigem Niveau – zu (insb. Einbrüche in KFZ)“.
Unweit der jordanischen Botschaft frage ich einen Einheimischen, der die Sorgen eines Ausländers erahnt, was hier ganz, ganz selten ist, und mich zur Botschaft Jordaniens begleitet. Anschließend hilft er mir noch beim Kauf einer sudanesischen Telefonkarte. Barbara schickt mir einen Engel und der stellvertretende deutsche Konsul eine Wege-Skizze, nachdem ich ihn dazu aufgefordert hatte. Unweit der deutschen Botschaft treffe ich zufällig einen deutschen Architekten und frage nach dem Weg. Als wenn wir uns schon lange kennen würden, hatte ich nach 3 Minuten eine Einladung zum Bier am Abend. Im ganzen Land gibt es kein Alkohol zu kaufen! Inzwischen kenne ich mich aus in der Stadt und finde auch ohne Navi sein Haus. Nach 2 Bier meint Bernd ich sehe schon etwas besser aus und solle mich erst einmal erholen. Ich bin Gast in seinem Haus und bekomme auch einen Schlüssel. Erstaunlich, auf was für tolle Menschen man auf so einer Reise trifft. Und wie der Zufall es so will, sucht der Architekt mit vielen Ideen und Objekten gerade Mitstreiter. Jedenfalls gibt es erst einmal eine Menge zu erzählen. Khartum ist wie ganz Afrika eine Goldgrube für Leute mit Ideen. Die Stadt ist noch im Entstehen und hat ein riesen Potential an Wachstumschancen. Der Westen hat den Zug nach Afrika verpasst. Auch hier haben die Chinesen das Rennen gemacht. China ist der wichtigste ausländische Investor im Sudan.
Ich schlafe gut in einem gekühlten Zimmer, und habe die nächsten Tage Zeit und sammle neue Kraft für Behördengänge. Für das Sudan-Immigration-Register sind 250,- Pound fällig. Zudem braucht man dafür einen Sponsor. Witziger weise meint der Beamte, sein Helfer könnte den Sponsor spielen. Macht er gerne und nimmt dafür 250,- Pound Da die 14 Tage im Sudan Visum schnell um sind, brauche ich eine Verlängerung: für 260,- Pound. Die deutsche Botschaft berechnet für die Verbalnote (Empfehlungsschreiben), die die Saudis verlangen, 175,- Pound. Der offizielle Umrechnungskurs beträgt 4,5 Pound auf 1 €, auf dem Schwarzmarkt erhält man bis zu 7,5 Pound. Durch das westliche Embargo besteht eine sehr hohe Nachfrage (Abhängigkeit) nach harter Währung. Das erinnert sehr an DDR-Zeiten.
Auf dem Dach des Goethe-Institutes schaue ich mir den neuen deutschen Film „Das Knistern der Zeit“ über Schlingensief und sein Operndorf in Burkina Faso an. Auf meiner Reise hatte ich ja Gelegenheit mir das Objekt selbst anzusehen. Ausländer benötigen außerhalb Khartums eine Reisegenehmigung. Ich bringe Bernd in die Stadt und er zeigt mir das Büro, wo ich ein travel permit bekomme.
Bernd lebt und arbeitet schon 5 Jahre hier. Sein Haus nahe am Zentrum steht offen für gern gesehene Besucher, so auch für mich. Ich lerne Ozcan kennen, der für Bernd arbeitet und mit mir zur Immigration geht. Er kennt auf jedem Amt eine Frau, die alles für ihn macht. Dann lerne ich dort noch Patric von der humanitären Hilfe der Schweiz kennen.
Bernds Arbeitsfeld erinnert mich an mein 1. und 2. Arbeitsleben. Allerdings wird hier inhaltlich vieles auf den Kopf gestellt. Ich versuche auszuhelfen und befasse mich mit der angelsächsischen Sicht der Bewertung von Immobilien und Investitionen, sowie mit dem Immobilien-Markt in Khartum, der noch nicht transparent ist. Vielleicht gibt es ja eine Fortsetzung?

Die Saudis, die die Büroarbeiten aus der Botschaft ausgelagert haben, brauchen viel Zeit für die Ausstellung meines Visums. Mal fehlt eine Originalunterschrift und dann ist es wieder Donnerstag und das islamische Wochenende beginnt. Zum Glück habe ich mir Zeit zum Verbleib erkauft und bin gut untergebracht, so dass mich das nicht sonderlich aufregt. 5 Tage bevor das Carnet de Passage ausläuft, bekomme ich Donnerstag 16 Uhr das Saudi-Visum. Ich fahre die Nacht durch und halte für einen kurzen Schlaf auf einem LKW-Parkplatz. Die Straße über Atbarah ist durchgängig asphaltiert. Um 9 Uhr erreiche ich die Hafenstadt Suakin und kaufe ein Ticket für die Baaboud-Fähre nach Jeddah: umgerechnet etwa 220,- € für 1 Person, PKW, Hafengebühr (in Pound: 425+1.005+235). Da die Fähre regelmäßig dienstags, freitags und sonntags fährt, braucht man vorher keinen Kontakt. Man muss auch nicht nach Port Sudan. Ich habe genug Zeit für die Formalitäten im Hafen. Die Abfertigung beginnt erst ab 12 Uhr und die Fähre legt erst gegen 18 ab. Nach stundenlangem Warten bin ich durch Immigration und Custom durch (ohne weitere Kosten). Ich habe keine Kabine und keine 1. Klasse gelöst, wäre auch der Einzige gewesen. Erst dachte ich, dass ich Platz habe auf dem schon etwas in die Jahre gekommenen Kahn. Aber er füllt sich bis auf den letzten Platz mit weiß bekittelten Moslems. Wahrscheinlich allesamt Wanderarbeiter. Auch die Gänge sind im wahrsten Sinne des Wortes belegt, man muss über zig Leibern steigen. Neben meinem Platz bildet sich eine Gruppe Kartenspieler, die das Spiel sehr ernst nehmen. Es wird laut, an Schlaf ist nicht zu denken. Ich suche mir zwischen den Gestellen abmontierter Sessel einen Schlafplatz auf dem Boden, bzw. auf meinem Laptop. Den mitzunehmen war keine gute Idee. Aber das Auto wurde auf den Kahn gefahren, und man hat keinen Zugang mehr zum Auto. Aber es gelingt mir, ein paar Stunden zu schlafen. War es die Müdigkeit, habe ich mich verändert, oder bin ich noch der Alte?
Wie ich so zwischen zig Muslime schlafe, geraten in Deutschland gerade wieder Islamhasser und verknöcherte konservative Islamisten aneinander. Letztere vertreten vielleicht 20% der Muslime. Die schweigende Mehrheit ist eher liberal und säkular eingestellt. Grade sie haben aber keine Interessenverbände, weil der Islam im Grunde keine Organisation kennt. Mit ihnen könnte man darüber reden, wie der Islam zur Weltlichkeit des Rechtsstaates, oder zum Pluralismus der Weltanschauungen, zur Demokratie, zur Stellung der Frauen in der Gesellschaft steht. Oder darüber, dass nichtmuslimische Minderheiten in muslimisch dominierten Ländern bis aufs Messer bekämpft werden. In den existierenden Verbänden sind eher die traditionell-orthodoxen Muslime organisiert. Mit denen kann man über solche Fragen nicht diskutieren. Die Muslime, die sich kritisch mit den Gottesbildern auseinanderzusetzen, und die die Gesetzestexte des Koran als zeitgebundene Texte bezeichnen, die in einem modernen Rechtsstaat einer zeitgemäßen Interpretation bedürfen, werden mundtot gemacht. Zumindest so die Situation in Deutschland, meint eine Abgeordnete der SPD mit muslimischen Glauben im deutschen Bundestag.

Gegen 8 Uhr morgens legen wir in Jeddah auf der arabischen Halbinsel an. Die Reise ist zwar noch nicht zu Ende, aber ich habe es geschafft: In einem Jahr auf dem Landweg rund um Afrika.

Route Sudan
SudanTrack+Route

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Kategorien: Ost-Afrika, Reiseberichte | Schlagwörter: | 3 Kommentare

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3 Gedanken zu „Sudan 19.4. – 11.5.2013

  1. Hallo Manfred!
    Strassen auf beiden Seiten des Nasser-/Nuba-Sees befahrbar, doch nur mit Genehmigung aus Kairo. Haben in Wadi Halfa Deutsche kennen gelernt, die sind so heruntergekommen. Es geht eine Faehre von Abu Simbel auf die andere Seite und auch 35 km suedlich von Wadi Halfa.
    Wir sind mit Personenfaehre und Fahrzeugbarge nach Aegypten – keine Probleme!
    Von Port Said geht es dann nach Iskenderum – auch mit SISA Shipping!
    LG aus Kairo, Domi

    • Im Dezember wahrt ihr noch in Marokko. Jetzt seid ihr schon wieder zu Hause? Und das mit 34 PS im Gespann! Kaum zu glauben.

  2. In Afrika hat http://herbiesworldtour.com/ noch keinen Blog geschrieben. Später haben mich die Bilder fasziniert, auf denen der kleine Käfer mit Anhänger durch den dicksten Schlamm zieht. Und dann hat mich Herbie in Afrika noch überrundet. Leider sind wir uns nicht begegnet. Für die Amerika-Tour kann er Tips geben.
    Am 9.1.2016 schrieb Domi : „Herbie (34PS, 1.200ccm) ist kein Allrad. In Afrika haben herkömmliche Schneeketten an den Antriebsrädern gute Dienste geleistet. Im Kongo sind wir versunken und dachten, die Reise wäre zu Ende…“

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